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Shark Info 4 / 99   (15.12.1999)

Author

  Intro:

Haiunfälle

Dr. E. K. Ritter

  Hauptartikel:

Anatomie der Haiunfälle

Dr. E. K. Ritter

  Artikel 1:

Ein Hai-Forschungsprojekt der US-Regierung

Shark Info

  Artikel 2:

Haiflossenmarkt in San Francisco

Harald Gay

  Fact Sheet:

Tigerhaie

Shark Info


Anatomie der Haiunfälle

Von Dr. Erich K. Ritter

Weisser Hai

Ein Weisser Hai (Carcharodon carcharias) schnappt zu. Warum auch Menschen gebissen werden können, ist noch lange nicht geklärt.

© Hai-Stiftung

Niemand kann abstreiten, dass es Haiunfälle gibt. Ist ein Unfall passiert, so rasen die Berichte darüber wie Lauffeuer durch die Weltpresse. Allein diese Aufmerksamkeit der Presse zeigt schon, dass es sich um aussergewöhnliche Ereignisse handelt. Wären sie alltäglich wie Autounfälle, würden sie, wenn überhaupt, nur am Rande erwähnt. Trotz des Rummels um die wenigen Haiunfälle hat sich die öffentliche Meinung in den letzten Jahren bezüglich der Gefährlichkeit von Haien deutlich geändert. Immer mehr kommt man zur Einsicht, dass die Gefahr, von einem Hai gebissen zu werden, gering und völlig überbewertet ist. Hinsichtlich anderer Gefahrenquellen des täglichen Lebens fällt sie nicht ins Gewicht. Ein Vergleich mit ganz alltäglichen Unfällen macht dies deutlich. So werden beispielsweise alleine in der USA und Kanada jährlich rund 40 Menschen von Schweinen getötet, viermal (!) mehr als weltweit von Haien. In Florida wird pro Jahr dieselbe Anzahl von Menschen vom Blitz erschlagen.

Provozierte versus unprovozierte Unfälle

Und doch gibt es Unfälle mit Haien. Sind Haiunfälle einfach die Ausnahmen, die die Regel bestätigen, sind sie das Resultat unglücklicher Umstände oder gibt es andere Gründe? Um eine Antwort zu finden, muss man einerseits den Unfallhergang rekonstruieren und andererseits nach der Motivation des Haies suchen. Ein ganz falscher Ansatz wird immer wieder von Mitarbeitern des ISAF (International Shark Attack File) in Gainesville benutzt, die zwischen «provoziert» und «unprovoziert» unterscheiden. Dies sind zwar einleuchtende Begriffe, sie wurden jedoch leider nie genauer definiert. So wird ein Unfall von Sachbearbeitern des ISAF meistens nach Gutdünken als «provoziert» oder «unprovoziert» taxiert, je nachdem, ob der Mensch scheinbar den Unfall verursachte oder nicht. Eine derartig subjektive Beschreibung stellt die effektive Aussagekraft der Berichte stark in Frage. Möchte man dem ISAF Glauben schenken, sind unprovozierte Attacken meist sogenannte «hit and run»-Unfälle, nach dem Schema: der Hai beisst zu und schwimmt weg. Als Ursachen dieser Unfälle werden im ISAF meistens leuchtende Objekte wie Schmuckstücke oder blitzende Chromteile am Opfer und/oder aufgeregte Bewegungen im Wasser genannt. Der Hai wurde durch diese Reize angelockt, biss zu, liess aber, als er den Fehler bemerkte, vom Opfer ab und schwamm davon. Nun, eine solche Definition widerlegt sich selbst, denn gerade das Blitzen von Schmuck oder Chrom wirkt, ebenso wie geräuschvolles Planschen, provozierend auf einen Hai. Das ist den meisten Tauchern und Schwimmern jedoch oft nicht bewusst und man sollte deshalb eher von provozierenden oder auslösenden Faktoren sprechen. Das ISAF registrierte bis Ende 1998 weltweit 231 scheinbar unprovozierte Bisse von Weissen Haien (Carcharodon carcharias) gegenüber vier provozierten Bissen. Eine Zahl, die angesichts der schwammigen Auswertungsmethode in Frage gestellt werden muss. Gleiches gilt auch für die beiden anderen notorisch gefürchteten Haiarten, den Tigerhai (Galeocerdo cuvier) und den Bullenhai (Carcharhinus leucas). Möchte man den ISAF-Statistiken Glauben schenken, sind es nur gerade 3.7% aller Unfälle, die durch Menschen provoziert sein sollen. Meiner Ansicht nach ist es jedoch generell falsch, zwischen Provokation und Nicht-Provokation unterscheiden zu wollen, denn dies lässt sich wissenschaftlich nicht untermauern, sondern widerspiegelt lediglich das persönliche Empfinden des Beurteilenden. Ein Hai beisst nie grundlos zu, entsprechend muss auf irgend einer Ebene eine Provokation beziehungsweise ein Auslöser vorhanden sein.

Wissenschaftliche Analysen von Haiunfällen

Der wissenschaftlich korrekte Ansatz bei der Untersuchung von Haiunfällen ist nicht die Frage nach «provoziert» oder «unprovoziert», sondern die Analyse der Ursache und des Ziels eines Angriffes. Die wohl wichtigste Frage einer Untersuchung ist folgende: beisst der Hai gezielt den Menschen, oder wird der Mensch nur «nebenbei» gebissen. Die beiden letzten «Hai-Attacken» in den Bahamas, die ich für die GSAF (Global Shark Attack File, Princeton) analysierte, erwiesen sich als solche «Nebenbei-Bisse». Nicht die Menschen waren Ziel des Angriffs, sondern harpunierte Fische. In beiden Fällen versuchten die Haie an die aufgespiessten, noch zappelnden Fische heranzukommen. In dem Durcheinander von Tauchern, die die Fische ins Boot bringen und sich gleichzeitig die Haie vom Leib halten wollten, kam es dann zum Unfall. Während den Interviews sagten beide Opfer aus, dass die Haie sich ausschliesslich für die Fische interessierten. Entsprechend dürfen solche Ereignisse gar nicht als Attacken bezeichnet werden, sondern als Unfälle. Bedeutet dies, dass, wenn wir Haie nicht provozieren, es nicht zu Haiunfällen kommen würde? In den meisten Fällen trifft dies zu, doch es gibt Unfälle, für die die Wissenschaft noch keine Erklärung liefern kann. Wir können momentan noch nicht abschliessend sagen, welche Faktoren auf einen Hai provozierend wirken. Sind es gewisse Töne, die die Haie anlocken und sie zum Beissen verleiten, sind es spezifische Geruchsmoleküle (sehen sie hierzu auch Shark Info 3/99), gewisse Wasserbewegungen, Strömungen oder atmosphärische Vorgänge? Natürlich ist bekannt, dass Faktoren, wie zappelnde Fische eine entsprechende Reaktion bei einem Hai auslösen, doch ist es nach wie vor nicht bekannt, was den Hai letztendlich bewegt, nicht den Fisch, sondern einen Menschen - eine für ihn unbekannte Lebensform - zu beissen. Generell haben Raubtiere eine sehr grosse Hemmschwelle, sich unbekannten Dingen zu nähern. Dies ist ein weiterer Aspekt, der die Fragen um Haiunfälle immer komplexer macht, denn es ist kein Zufall, wenn das Tier schlussendlich zubeisst.

Ein Forschungsprojekt zu Haiunfällen

Haie greifen nicht einfach blindlings an, die äusseren Umstände müssen ebenfalls passen. Ein Teil unserer Arbeit befasst sich mit diesem Aspekt. Wir untersuchen Bullenhaie (Carcharhinus leucas) und Zitronenhaie (Negaprion brevirostris), wie sie sich dem Futter annähern, wenn sich ein unbekanntes Objekt wie zum Beispiel der Mensch in unmittelbarer Nähe, aber nicht in Kontakt mit dem Futter befindet. Wir versuchen so das häufigste Unfallszenario zu simulieren. Ein überraschendes Resultat dieser Versuche war, dass sich diese beiden Grosshaiarten hinsichtlich ihrer Annäherung an die Futterquelle stark unterscheiden und kein stereotypes Verhalten erkannt werden konnte. Gerade Bullenhaie zeigen ein sehr interessantes Verhalten. Sie tauchen fast nie alleine auf, wenn sie von etwas angelockt werden. Oft befindet sich ein zweites Tier entweder in unmittelbarer Nähe, oder es hält sich in einiger Entfernung auf, nur schemenhaft erkennbar. Wir sind uns noch nicht im Klaren darüber, wie dieses Verhalten bei Bullenhaien zu interpretieren ist. Handelt es sich um eine Rangordnung beim Fressen, eine Lehrer-Schüler-Beziehung oder etwas ganz anderes? Bullenhaie sind soziale Fresser, denn sie fressen gerne in Gruppen, und haben entsprechend eine andere Strategie bei der Futtersuche als die Zitronenhaie. Die Frage, ob es aber nun Schutz, Hilfe, Vormachen oder einfach nur Geselligkeit ist, kann noch nicht abschliessend beantwortet werden.

Bei Zitronenhaien konnten wir ein derartiges Verhalten in all den Jahren nie beobachten. Zwar tauchen oft mehrere Tiere nacheinander auf, aber nichts deutet auf irgendeine Form von Koordination oder Kooperation hin.

Bereits diese Beobachtungen bei nur zwei Arten machen deutlich, dass es DEN Haiangriff nicht gibt. Verschiedene Arten haben verschiedene Strategien. Doch wie sieht es aus, wenn das Futter sich nun direkt am Menschen befindet? Ein weiteres typisches Szenario, ein getöteter oder sterbender Fisch, der oft auch noch blutet, hängt am Gürtel des Schnorchlers oder Tauchers. Dieser Versuch warf bei uns bis heute mehr Fragen auf, als Antworten gefunden werden konnten. Das Erstaunliche ist, dass es jeweils sehr lange dauert, bis der Hai sich überwinden kann, an den Fisch zu gehen. Woran liegt das? Wieso ist es eine der häufigsten Unfallursachen? Wenn ein entsprechender Versuch durchgeführt wird, dauert es erstems sehr lange bis sich der Hai heranwagt und zweitens kam es bisher nie zum Nebenbei-Biss. Die Antwort scheint darin zu liegen, dass die Versuchsperson den Hai erwartet. Hier stellt sich natürlich die Frage, was der Hai in einer solchen Situation wahrnimmt. Kann der Hai erkennen, womit auch immer, dass dem unbekannten Objekt seine Anwesenheit bewusst ist? Wenn wir dies herausfinden können, werden sich auch diese Form von Unfällen stark reduzieren können.

Die Ursachen eines Unfalls

Alle paar Jahre taucht in der Literatur wieder der Satz auf, dass Haie Reviere haben und diese verteidigen. Eine Idee, die aus den Anfängen des Tauchens stammt. Es ist bis heute nicht bewiesen, dass Haie, wenn auch nur zeitlich beschränkt, Reviere haben und eventuelle Angriffe auf territoriales Verhalten zurückzuführen sind. Dagegen gibt es verschiedene bekannte Gründe, weshalb Haie zubeissen können. Sie gehen von Hierarchie innerhalb einer Gruppe bis hin zur Paarung. Könnte es sein, dass Menschen als mögliche Konkurrenten während der Paarung gesehen werden? Könnte es sein, dass Menschen durch ihre Grösse als dominante Objekte im Riff interpretiert werden und ein Hai versucht, seine Stellung in der Hierarchie zu verteidigen? Zwar sind die Ursachen eines Bisses noch weit von einer Erklärung entfernt, doch gerade diese letzten Möglichkeiten würden erklären, weshalb es auch zu einem Angriff kommen kann, wenn sich kein Futter in unmittelbarer Nähe befindet. Oftmals sehe ich Unfälle, bei denen der Hai zwar mehrere Male zubiss, jedoch kein eigentlicher Gewebeverlust beim Opfer erkennbar ist, sich kein Futter in unmittelbarer Nähe befand und entsprechend ein eigentlicher Fressreiz sehr in Frage gestellt werden muss. Vielleicht müssen wir völlig umdenken und den Akt des Näherns mit dem abschliessenden Biss aus einer ganz anderen Perspektive betrachten.

Und dennoch wurden menschliche Körperteile in Haien gefunden

In sehr seltenen Fällen werden in Haimägen dennoch menschliche Überreste gefunden. Hierzu muss angemerkt werden, dass die meisten Haie, bei denen menschliche Reste gefunden wurden, den Menschen wahrscheinlich gar nicht angegriffen und gefressen haben, sondern das Opfer vorher verunglückte, ertrunken, oder anders ums Leben gekommen war und der Hai sich dann als Aasfresser betätigte ­ eine seiner wichtigsten Aufgaben im marinen Oekosystem.

Aber was ist mit all den Schiffbrüchigen, die von Haien gebissen wurden und dann starben?

Es gibt Berichte, zum Beispiel aus dem 2. Weltkrieg, die beschrieben, wie Menschen ums Leben kamen, weil sie durch Haie zu Tode gebissen wurden. Das berühmteste Beispiel ist wohl die «USS Indianapolis», die am 30. Juli 1945 torpediert wurde, innerhalb von 12 Minuten sank und rund 900 Besatzungsmitglieder treibend ihrem Schicksal überlassen wurden. 316 davon wurden vier Tage später gerettet, die andern sind ums Leben gekommen. Unabhängig, welche Geschichtsbücher oder Berichte man liest, es sind immer wieder Haie, die die Matrosen getötet haben sollen. Es gibt zwar Augenzeugen und Beweise, dass Haie anwesend waren und es kam offensichtlich effektiv zu Kontakten und Bissen, doch kann mit der heutigen Kenntnis über die Biologie und das Verhalten von Haien gesagt werden, dass für die tragischen Verluste bei diesem Unglück nicht die Haie die Hauptursache gewesen sein können.

* Dr. Erich K. Ritter ist Haibiologe und Adjunct Assistenz Professor an der Hofstra Universität, New York.

Veröffentlichung nur mit Quellenangabe: Shark Info / Dr. Erich K. Ritter



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modifiziert: 04.06.2016 10:48