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Shark Info 4 / 99   (15.12.1999)

Author

  Intro:

Haiunfälle

Dr. E. K. Ritter

  Hauptartikel:

Anatomie der Haiunfälle

Dr. E. K. Ritter

  Artikel 1:

Ein Hai-Forschungsprojekt der US-Regierung

Shark Info

  Artikel 2:

Haiflossenmarkt in San Francisco

Harald Gay

  Fact Sheet:

Tigerhaie

Shark Info


Haiforschungsprojekt der US-Regierung

Bericht Shark Info

Vorgeschichte

Die kommerziellen Haifänge stiegen im westlichen Nordatlantik und dem Golf von Mexiko zwischen 1979 und 1989 von 135 Tonnen auf 7 122 Tonnen. In derselben Periode sanken jedoch die von Sportfischern gelandeten Haie von 11 512 Tonnen auf knappe 1 666 Tonnen. Dies zeigte eine Studie, die 1993 von der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) der US-Regierung in US-Küstengewässern durchgeführt wurde. Wie kann eine derart gegenläufige Entwicklung erklärt werden? Der Anstieg der kommerziellen Fänge beruhte eindeutig auf einer steigenden Nachfrage nach Haiprodukten. Haie wurden deshalb entsprechend intensiver und mit immer effizienteren Fangmethoden befischt. Der gleichzeitige Rückgang der von Sportfischern gelandeten Haie war jedoch ein klares Warnzeichen für eine Überfischung der Haibestände durch die unregulierte kommerzielle Fischerei in der Region.

Um die verbleibenden Haipopulationen zu schützen, entwickelte der National Marine Fisheries Service (NMFS, eine Abteilung der NOAA) 1993 einen Fischerei-Management Plan. Für die Umsetzung des Plans war es wichtig, eine Methode zu finden, die eine von Statistiken der kommerziellen Fischerei unabhängige Bestandesaufnahme der Haie der Regionen möglich machte. Diese unabhängigen Bestandesaufnahmen sollten zur Überwachung der Wirksamkeit des Management-Plans dienen. Als eine der ersten Massnahmen wurden den kommerziellen Fangflotten wissenschaftliche Beobachter zugeteilt. Zusätzlich startete NOAA ein Pilotprojekt für die Bestandesaufnahme der Haie in den betroffenen Regionen. Die Mississippi Laboratorien, eine Zweigstelle der NOAA, wurden mit der Feldarbeit beauftragt. Ihnen zur Seite stand die auf intensiv wandernde Arten spezialisierte Abteilung des NMFS. Projektleiter war Mark Grace*, der uns freundlicherweise die Informationen über das Projekt zur Verfügung gestellt hat.

Das Pilotprojekt

Die Feldarbeiten für das Pilotprojekt wurden 1995 - 1996, jeweils Mitte bis Ende Sommer durchgeführt, da nur in dieser Zeitspanne ein geeignetes Forschungsschiff, die Oregon II, verfügbar war. Durch diese Einschränkung konnte leider auf bekannte, saisonale Schwankungen der Haifänge keine Rücksicht genommen werden.

Oregon II

In der Regel wurde das 52 m lange NOAA Forschungsschiff Oregon II als Fangschiff eingesetzt. Neben 18 Besatzungsmitgliedern bietet es Platz für 13 Wissenschaftler und ihre Ausrüstung.

© Mark Grace / Hai-Stiftung

Die Regionen, die regelmässig untersucht werden sollten, waren der westliche Teil des Nordatlantiks von Maine bis zu den Florida Keys, der Golf von Mexiko, Kuba und die Fanggebiete um die Insel Navassa (siehe Karte). Mit Mexiko und Kuba wurden hierfür spezielle Vereinbarungen zur Kooperation getroffen.

Für die Datenerhebung mussten Haie gefangen und markiert werden. Hierbei konnte man nicht die kommerziellen Fangmethoden einsetzen, da die Haie möglichst schonend gefangen und wieder freigelassen werden sollten. So wurden zwar auf Grund liegende, 1.85 km lange Longlines eingesetzt. Sie hatten in der Regel 100 Haken mit atlantischen Makrelen (Scomber scomber) als Köder. Die Leinen wurden allerdings, im Gegensatz zur kommerziellen Fischerei, nur für eine Stunde gesetzt und danach wieder eingeholt. Um die Longlines möglichst schnell wiederfinden zu können, wurden sie mit radarreflektierenden Bojen markiert. Die Tiefen, in denen gefischt wurde, schwankten zwischen 9 und 73 m in US-Küstengewässern und Mexiko, und zwischen 9 und 413 m um Kuba und Navassa. Gefischt wurde im Schichtbetrieb während 24 Stunden. An jedem der für ein Gebiet zufällig ausgesuchten Fangorte wurde zudem ein physikalisches und chemisches Profil der Wassersäule erstellt und atmosphärische Daten gesammelt.

atlantischer Braunhai

Ein atlantischer Braunhai (Carcharhinus plumbeus) wird an Bord der Oregon II markiert, um später wieder freigelassen zu werden.

© Mark Grace / Hai-Stiftung

Für Populationsuntersuchungen ist die Markierung und der Wiederfang von möglichst vielen Tieren wichtig. Populationsgrössen können mit Hilfe von statistischen Analysen von Fängen markierter und unmarkierter Tiere geschätzt werden. Markierungen sind aber auch wichtige Hilfsmittel, um über Wanderungen Auskunft zu geben und um so festzustellen, welche Populationen grenzüberschreitende Verbreitungsgebiete haben. Auf den Marken des Mississippi Laboratoriums war entsprechend eine Aufforderung an Fischer eingraviert, die Marken-Nummer, Fangort, Datum und wenn möglich Länge und Gewicht des wiedergefangenen Hais dem NMFS zu melden.

Internationale Zusammenarbeit

Die Fahrten der Oregon II bieten für viele Wissenschaftler die seltene Chance, mit verschiedenen Haiarten direkt in Berührung zu kommen und sie zu untersuchen. So werden regelmässig Studenten, Lehrer und namhafte Wissenschafter aus aller Welt auf die Oregon II eingeladen. Forscher aus Mexiko, Kuba, Kanada, Deutschland, Frankreich, England, Neuseeland und der Schweiz konnten bereits an derartigen Exkursionen teilnehmen.

Resultate

Karte

Die Fischereizonen im Nordatlantik, dem Golf von Mexiko und in der Karibik, die von der Oregon II während des Projektes regelmässig untersucht wurden, sind grün markiert.

© Mark Grace / Hai-Stiftung

Während des Pilotprojektes von 1995 bis 1996 wurden 875 Haie gefangen, die sich aus insgesamt 22 Arten zusammensetzten. Der grösste Teil der Haie konnte markiert und lebendig wieder in ihr Element entlassen werden. Die schonende Fangmethode hat sich bewährt. Die am häufigsten gefangenen Arten waren der atlantische Scharfnasenhai (Rhizoprionodon terranovae) mit einer Häufigkeit von 62% und der Tigerhai (Galeocerdo cuvier) mit 9%. Weniger als je 5% Anteil an den Fängen hatten zum Beispiel Hammerhaie (Sphyrna Arten). Seidenhaie (C. falciformis) und Bullenhaie (C. leucas) und andere Arten machten je weniger als 1% aus (detailliertere Aufstellung siehe Kasten). Die Zusammensetzung der Arten und die Grössenverteilung innerhalb der Arten entsprachen Vergleichsdaten der kommerziellen Fischerei. Dies war aus zwei Gründen sehr erfreulich: Zum einen kann ein einziges Schiff wie die Oregon II nicht dieselbe Fläche befischen wie eine ganze kommerzielle Fangflotte, man musste sich mit Stichproben begnügen. Die statistisch zufällige Auswahl der Fangplätze innerhalb einer Region lieferte dennoch verlässliche Daten. Zum zweiten bietet sich durch den Nachweis der Verlässlichkeit der Methode die Möglichkeit, auch ausserhalb der normalerweise von den grossen Flotten befischten Regionen Probefischzüge durchzuführen. Dies erlaubt die Sterblichkeitsraten von befischten und nicht befischten Populationen vergleichen zu können.

Die erfreulichen Resultate bestätigten NOAA darin, das Projekt weiterzuführen. Bis Ende Sommer 1999 konnten insgesamt 2600 Haie gefangen, untersucht und die meisten markiert wieder freigelassen werden. Das Wissen über die Haipopulationen in den untersuchten Regionen wird mit jeder Fahrt der Oregon II grösser. Anhand von Vergleichen der Daten verschiedener Jahre können möglicherweise bald gewisse Entwicklungstrends für die regionalen Haipopulationen berechnet und sinnvolle Fangquoten festgelegt werden. So wird hoffentlich in Zukunft für alle, die Fischer und die Haie, ein Miteinander ohne Arbeitslosigkeit für die einen und Überfischung und Ausrottung für die anderen möglich werden.

Kasten Fangstatistiken 1995-1996

Art

wissenschaftliche Bez.

Anteil

atlantischer Scharfnasenhai

Rhizoprionodon terranovae

62%

Tigerhai

Galeocerdo cuvier

9%

Schwarznasenhai

Carcharhinus acronotus

7%

atlantischer Braunhai

C. plumbeus

5%

grosser Schwarzspitzenhai

C. limbatus

5%

Hammerhai Arten

Sphyrna sp.

< 5%

Spinnerhai

C. brevipinna

< 5%

Dornhai

Squalus acanthias

< 5%

Seidenhai

C. falciformis

< 1%

Bullenhai

C. leucas

< 1%

Zitronenhai

Negaprion brevirostris

< 1%

Ammenhai

Ginglymostoma cirratum

< 1%

* Mark Grace ist Fischereibiologe und Projektleiter der Haistudie der NMFS Mississippi Laboratorien seit deren Beginn 1995. Herr Grace begann seine Karriere beim NMFS als wissenschaftlicher Beobachter auf japanischen Longline-Thunfischfängern, die in US-Gewässern fischten.

Veröffentlichung nur mit Quellenangabe: Shark Info



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modifiziert: 04.06.2016 10:48