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Shark Info 3 / 99   (15.10.1999)

Author

  Intro:

Das Kreisen der Haie

Dr. E. K. Ritter

  Hauptartikel:

Das Kreisen der Haie um vermeintliche Opfer

Dr. E. K. Ritter

  Artikel 1:

Was wissen Sie über die Gehirne und Nasen der Haie?

Dr. J. F. Morrissey

  Artikel 2:

Filmkritik: Deep Blue Sea

Shark Info

  Artikel 3:

Jährlicher Haikongress in Pennsylvania

Shark Info

  Artikel 4:

IUCN: Haischutz ohne Biss

Shark Info

  Fact Sheet:

Bullenhaie

Dr. E. K. Ritter


Was wissen Sie über die Gehirne und Nasen der Haie?

Von Dr. John F. Morrissey

Die Welt ist voll von Hai-Enthusiasten, die einen scheinbar unstillbaren Appetit auf jede Art von Information haben, die sie über Haie bekommen können. Glücklicherweise wird weltweit ein steter Strom von Büchern, Artikeln, Dokumentationen und Filmen produziert, um diesen Appetit zu stillen. Schade nur, dass ein sehr grosser Teil dieser Quellen falsche oder falsch interpretierte Informationen liefert. Einige dieser Fehlinformationen sind die Schöpfung nur eines einzelnen Autors. Die meisten Fehler werden dann jedoch so oft wiederholt, von Quelle zu Quelle abgeschrieben und kopiert, dass viele von uns sie mit der Zeit als Tatsachen akzeptieren und sie nicht mehr hinterfragen. Es ist unausweichlich, dass derartige Fehlinformationen mit der Zeit ein regelrechtes Eigenleben entwickeln. Haben sie einmal Fuss gefasst, werden sie immer häufiger zitiert und kopiert und prägen so das Dogma der Haie immer stärker. Ziel dieses Artikel ist es, einige dieser «falschen Wahrheiten» aufzudecken, die mit bedenklicher Regelmässigkeit immer wieder in den Medien auftauchen.

Aussage 1: «Haie riechen Blut aus Kilometern Entfernung»

Das Ziel dieser nichtssagenden Aussage, die man in verschiedensten Versionen immer wieder in den Medien antrifft, ist klar. Der Autor möchte damit ausdrücken, dass Haie einen ausgesprochen guten Geruchssinn besitzen. Das stimmt auch: Haie können in ihrem Umfeld Gerüche in extrem geringen Konzentrationen wahrnehmen. Aber dass Haie Blut aus Kilometern Entfernung wahrnehmen können, sagt dem Leser absolut nichts über den Geruchssinn der Haie. Der Grund dafür ist, dass der Autor die Riechleistung der Haie in Relation zur Entfernung von der Quelle des Geruchsstoffes setzt. Er sagt nichts über die Konzentration des Geruchsstoffes aus, die vom Hai wahrgenommen werden kann. Doch gerade das ist entscheidend. Die effektive Distanz zur Quelle ist irrelevant. Zum Beispiel haben wir Menschen einen wesentlich schlechteren Geruchssinn als Haie. Dennoch könnten auch wir Blut aus Kilometern Entfernung riechen, wenn die Menge des Blutes so gross wäre, dass die Geruchsstoffe in ausreichender Konzentration unsere Riechschleimhaut (die Nase) erreichen würden. Ich habe einmal den Rauch eines 100 Kilometer entfernten Waldbrandes gerochen! Aber das nicht, weil ich einen so ausgesprochen phantastischen Geruchssinn wie ein Hai habe, sondern weil die Quelle des Geruches (das Feuer) so gross war, dass eine ausreichende Menge des Rauches aus 100 Kilometern meine Nase erreichen konnte.

Die Konzentration der Geruchsstoffe ist wichtig. Die entscheidende Frage ist entsprechend: überschreitet die Konzentration der vorhandenen Geruchsstoffe die Wahrnehmungsschwelle eines Hais (oder Menschen)? Nur auf dieser Ebene kann man über die Geruchsleistungen einer Art richtig diskutieren. Alle Aussagen über Entfernungen haben nichts mit der Frage zu tun und sind irrelevant. Also, was ist Tatsache? Wie leistungsfähig sind die Nasen der Haie nun wirklich? Haie können die meisten Aminosäuren, den Grundbestandteil von Proteinen, noch in Konzentrationen von 10-10 molar wahrnehmen (eine einmolare Lösung ist das Molekulargewicht einer Substanz in Gramm aufgelöst in einem Liter Wasser). Erlauben Sie mir, diese erstaunliche Sinnesleistung etwas allgemeinverständlicher auszudrücken. Erstens bedeutet das, dass Haie einen Geruchssinn haben, der etwa 10 000 Mal besser ist als der des Menschen. Zweitens, um diese Konzentration zu erreichen, müsste man 30 mg (eine halbe Messerspitze voll, Anm. d. Red.) einer Aminosäure in einem grossen Schwimmbecken auflösen! Drittens, ein solches Schwimmbecken hat ein Volumen von 2 600 Kubikmetern und diese Menge Salzwasser enthält 3.5% Kochsalz und andere Ionen, also etwa 92 Tonnen Salz. Man kann sich nur schwer vorstellen, dass ein Hai diese paar Milligramm der Aminosäure zwischen den Tonnen von Salz noch wahrnehmen kann. Viertens, Haie können gewisse Aminosäuren sogar noch besser wahrnehmen. Zum Beispiel riechen sie die Aminosäure Serin noch in Konzentrationen von 10-14 molar! Fünftens und letztens muss allerdings auch gesagt werden, dass diese Sinnesleistungen zwar aus der Sicht des Menschen erstaunlich sind, für andere Tiere aber durchaus nichts Besonderes. Ganz alltägliche Tiere wie Hummer oder Welse haben einen vergleichbaren, wenn nicht besseren Geruchssinn als die Haie.

Für alle Vergleiche von Leistungen der Chemorezeption wie dem Geruchssinn gilt jedoch, dass sie in Relation zur Konzentration des Geruchsstoffes und nicht zur Entfernung von seinem Ursprung gemacht werden müssen.

Aussage 2: «Haie und andere primitive Tiere (wie die Dinosaurier) haben ein Gehirn, das nur so gross ist wie eine Walnuss (oder ein Golfball oder irgend ein anderes, eher kleines Objekt)»

Diese Aussage ist noch nichtssagender als die erste. Der ersten Aussage kann man zumindest zugute halten, dass sie im Prinzip nicht falsch ist, denn Haie haben einen sehr guten Geruchssinn. Sie ist nur nichtssagend, da sie auf der wenig aussagekräftigen Einheit Distanz statt der korrekten Einheit Konzentration basiert. Diese zweite Aussage versucht jedoch anzudeuten, dass Haie nicht sehr intelligent seien und begründet dies mit einem wenig zweckmässigen Vergleich.

Lassen Sie uns diese Aussage 2 einmal auseinandernehmen, um festzustellen, was wirklich daran ist.

Erstens sind Haie, wie alle räuberischen Wirbeltiere, relativ intelligent. Das müssen sie sein, denn sie müssen ihre Beute fangen. Ihre Beute sind in der Regel Pflanzenfresser, die nicht besonders intelligent sind, da sie nur Gras «fangen» müssen! Zweitens sind Angaben über absolute Hirngrössen wenig aussagekräftig. Ist ein Otter dümmer als ein Hund, nur weil sein Hirn kleiner ist? Ist ein Hund dümmer als ein Elch, nur weil das Hirn eines Elches grösser ist als das eines Hundes? Die Antwort ist natürlich Nein. Absolute Hirngrössen anzuführen («das Gehirn eines Haies ist so gross wie ein Golfball») ist sinnlos.

Hirn zu Körper

Das Verhältnis von Hirn- zu Körpergewicht bei verschiedenen Wirbeltieren nach Glen Northcutt.
Haie haben im Vergleich zu den anderen Klassen relativ grosse Gehirne.

© Shark Info

Es ist jedoch sehr nützlich, relative Hirngrössen miteinander zu vergleichen. Der Vergleich von Arten auf der Basis der relativen Hirngrösse, ausgedrückt im prozentualen Verhältnis von Hirngewicht zu Körpergewicht ergibt vernünftige Werte für deren relative Intelligenz. Glenn Northcutt konnte 1978 zeigen, dass Haie im Vergleich zu ihrer Körpergrösse, ein grösseres Gehirn haben als die meisten Knochenfische, die meisten Vögel und viele Säugetiere. Dies war zu erwarten, da fast alle Haie Fleischfresser sind und als Jäger brauchen sie grössere, beziehungsweise intelligentere Gehirne als ihre Beute.

Drittens und letztens: Unabhängig von der Intelligenz von Haien im Vergleich zum Rest des Tierreiches ist Aussage 2 absolut nicht sinnvoll. Stellen Sie sich einen Hai mit einem Gehirn der Grösse eines Golfballes vor. Welche Haiart? Und wie alt ist dieser Hai? Ist der Hai ein ausgewachsener Dornen Pygmäenhai (Squaliolus laticaudus), eine Art, die eine maximale Grösse von 15 cm erreicht? Wenn ja, würde diese Art wie ein Lutscher aussehen (und wäre wahrscheinlich SEHR intelligent!) In Wirklichkeit ist das Gehirn von Squaliolus sehr viel kleiner als ein Golfball, das ist auch richtig so, bedenkt man seine Körpergrösse. Oder ist der Hai etwa ein ausgewachsener Walhai (Rhincodon typus) eine Art, die bis zu 12 m lang wird? Das wäre dann wohl der Welt dümmster «Fisch». In Wahrheit hat der Walhai ein zirka 1 m langes Gehirn (das seiner Körpergrösse entspricht). Oder ist der fragliche Hai ein Baby-Zitronenhai (Negaprion brevirostris) von 45 cm Länge? Ein Gehirn von der Grösse eines Golfballes wäre genau richtig für solch einen jungen Hai. Aber was ist 15 Jahre später, wenn der Hai ausgewachsen und 3 m lang ist? Dann wäre das Golfball-Gehirn gerade mal halb so gross wie eines seiner Augen und faktisch nutzlos. Offensichtlich wächst das Gehirn des jungen Haies während seines Lebens. Deswegen sind allgemeine Aussagen über absolute Gehirngrössen absolut nichtssagend. Vergleiche von Hirngrösse in Relation zur Körpergrösse hingegen (die wiederum in Relation zur Art und dem Alter des Haies stehen) sind aussagekräftig.

Ich hoffe, dass dieser Artikel Ihre Wahrnehmung leicht geändert hat und dass er sie motivieren wird, in Zukunft gewisse Publikationen mit noch kritischerem Auge zu lesen.

* Dr. John F. Morrissey ist Assistenzprofessor an der Hofstra Universität, New York und einer der führenden Haiforscher auf seinem Gebiet.

Veröffentlichung nur mit Quellenangabe: Shark Info / Dr. John F. Morrissey



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modifiziert: 04.06.2016 10:48