Shark Info Logo


Shark Info 1 / 01   (15.03.2001)

Author

  Intro:

Kommunizieren mit Haien

Shark Info

  Hauptartikel:

Kommunizieren mit Haien

Dr. E. K. Ritter

  Artikel 1:

Haie aus der Sicht eines Filmemachers

J. Mc Kinney

  Artikel 2:

Walhaitourismus auf den Philippinen

Shark Info

  Artikel 3:

GIMEC-Sitzung in New Orleans

Dr. E. K. Ritter

  Artikel 4:

Höchst erfreulicher Start der Hai-Ausstellung in St. Gallen

Shark Info

  Fact Sheet:

Kleinaugen-Hammerhai

Dr. E. K. Ritter


Kommunizieren mit Haien

Von Dr. E. K. Ritter

ADORE SANE

Tiere kommunizieren auf ihre spezielle Weise, wenn sie mit dem Menschen interagieren. So versteht meistens jeder Besitzer eines Haustieres, was sein Liebling mit Signalen ausdrücken möchte. Solche Signale können beispielsweise das Schnurren und «um die Beine streichen» bei Katzen oder das aufgeregte Schwanzwedeln beim Hund sein.

Mit Haien ist es nicht anders. Auch Haie senden Signale, wenn sie mit Menschen in Kontakt kommen, doch leider konnten wir sie bis anhin nur in extrem seltenen Fällen richtig interpretieren. Entsprechend ist es nicht weiter verwunderlich, dass uns bis vor noch nicht allzu langer Zeit bei einer Haibegegnung nichts anderes übrig blieb, als passiv zu warten, bis der Hai das Interesse an uns verloren hatte.

 

ADORE-SANE

Vor einigen Jahren begannen wir in Walker's Cay, Bahamas, die Körpersprache der Haie zu analysieren. Wir versuchten herauszufinden, welche Bewegungen des Menschen eine Reaktion bei Haien auslösten und wie diese Reaktionen zu interpretieren sind. Ziel dieser Untersuchungen war die Erarbeitung einer Methode, die es Schwimmern, Schnorchlern oder auch Tauchern ermöglichen sollte, mit Haien zu interagieren. Sei es um sich ihnen gefahrlos nähern zu können, sie fernzuhalten oder einfach um ihre Körpersprache besser verstehen zu können.

Nachdem wir dieses Interaktionskonzept in einer ersten Phase entwickelt hatten, ging es darum, dieses unter verschiedenen Umständen und mit verschiedenen Haiarten zu testen. Entsprechend reisten wir an die entferntesten Orte und arbeiteten mit verschiedenen Arten unter verschiedensten Bedingungen, um möglichst alle notwendigen Grenzen dieses Konzepts abstecken zu können. Wir testeten es an allen potentiell gefährlichen Arten, auch am Weissen Hai und zwar ohne Käfig oder sonstige Schutzmassnahmen. Unser Interaktionskonzept bekam den Namen «ADORE-SANE», wobei jeder einzelne Buchstaben für einen ganz bestimmten Begriff innerhalb des Konzepts steht. «A» steht für «Attitude», was im Deutschen als Haltung oder Gehabe des Hais zu verstehen ist. Dabei wird zum Beispiel darauf geachtet, wie der Schwanzschlag in Bezug zur Geschwindigkeit oder die Steifheit des Schwanzes bei einer Bewegung zu bewerten sind oder auch wie der Winkel der Brustflossen zum Körper steht. Alle diese Beobachtungen haben eine ganz bestimmte Bedeutung in der Körpersprache eines Hais. Entsprechend ist es auch mit dem Buchstaben «D». Dieser steht für «Direction» oder Richtung. Es ist von grosser Bedeutung, in welchem Winkel ein Hai auf ein grösseres Objekt wie einen Menschen zuschwimmt. Das steht natürlich seinerseits wiederum mit der Haltung (Attitude) im Zusammenhang. Und so geht es weiter mit all den anderen Buchstaben in diesem Konzept.

Jeder Buchstabe umfasst ein komplexes Gefüge von Begriffen und hilft schlussendlich mit, die Situation in der man sich mit einem Hai befindet, schnell zu analysieren und richtig zu reagieren. Dabei kann das Konzept von zwei Seiten betrachtet werden, entweder von ADORE, oder von SANE. Der erste Begriff bezieht sich auf den Hai, der zweite auf die beobachtende Person.

ADORE Hai-orientiert

A-Attitude:

Wie schwimmt der Hai auf einen Taucher zu?

D-Direction:

Wie ist der Winkel zum Hai?

O-Origin:

In welcher Distanz wird der Hai zum ersten Mal bemerkt?

R-Reference:

Schwimmt der Hai unter, auf gleicher Höhe oder über dem Taucher?

E-Environment:

Wie sind die Wasserbedingungen?

SANE Mensch-orientiert

S-Scenario:

Wie ist die Situation des Tauchers (Strömung, Probleme, müde etc.)?

A-Action:

Was macht der Taucher gerade?

N-Nervousness:

Ist der Taucher nervös oder aufgeregt (die Analyse von ADORE wird erschwert)?

E-Experience:

Kennt der Taucher den Ort und die zu erwartenden Haiarten (die Analyse von ADORE wird leichtert); Taucherfahrung?

Bereits die ersten Versuche zeigten uns deutlich, dass wir Menschen die eigentlichen Auslöser und Gestalter einer Situation sind, auch wenn wir dies nicht absichtlich tun. Es ist deshalb wichtig zu erkennen, wie man sich bei einem Zusammentreffen mit einem Hai verhält und sich fühlt. «S» steht für «Scenario» und umfasst die Situation, in der man sich befindet. Das kann von «verlorener Flosse» oder Probleme mit der Maske bis hin zu einer Schnittwunde gehen. Unterschiedliche Situationen wirken sich unterschiedlich auf unsere Psyche und unsere Bewegungen aus. Dies wiederum löst unterschiedliche Reaktionen bei einem Hai aus.

Oft ist die Situation so, dass keine Zeit bleibt, um alle 9 Punkte des Konzepts durchzuspielen. Dementsprechend entwickelten wir ein Kurzverfahren, das nur gerade die wichtigsten Punkte herausgreift, um einer Situation angepasst reagieren zu können. Dieser Teil des Konzepts wurde «QAI» genannt - Quick Assessment of Intention -, was soviel wie «Schnellanalyse der Absicht» bedeutet. In diesem Teil geht es lediglich um den Hai. Man befasst sich dabei mit seiner Körperhaltung, seinem räumlichen Bezug zur Person und seiner Schwimmrichtung. Das QAI gibt einer Person ein schnelles und relativ zuverlässiges Bild der Situation, in der sie sich befindet.

Reagieren alle Arten in allen Regionen gleich?

Nein. Wie auch für unsere eigenen Sprachen und Dialekte kann die Körpersprache von Haien je nach Region Änderungen erfahren. Eine bestimmte Art hat zwar überall in vergleichbaren Situationen dieselben Verhaltensgrundmuster. Doch Schwellenwerte, die bestimmte Verhaltensmuster auslösen, können je nach Region höher oder tiefer sein. ADORE-SANE ist ein dynamisches Konzept, das erweitert, aber auch verändert werden kann und sollte nicht als starres Interpretationswerkzeug gesehen werden. Nicht zuletzt weil sich die Körpersprache von Arten regional ändern kann und von Art zu Art unterschiedlich ist.

Warum ist eine Anwendung wichtig?

Haie haben in den meisten Medien noch immer einen eher schlechten Ruf, sei es durch die vielen blutrünstigen Filme, die seit Jahren in den Kinos und dem Fernsehen gezeigt werden oder weil diesen Tieren einfach zuviele Unwahrheiten angedichtet wurden. Auch die Medien berichten über fast jeden Haiunfall, unabhängig davon, ob der Hai am Unfall schuld war oder der Mensch dafür verantwortlich gemacht werden muss. In den meisten Fällen ist das Verhalten des Menschen der Hauptgrund für einen Unfall. Teil von ADORE-SANE ist es deshalb auch, solche Situationen zu testen, die früher als vermeindlich gefährlich angesehen wurden und zu Bissen führten. Richtiges Reagieren könnte in den meisten Fällen einen Unfall verhindern. Doch hat ADORE-SANE noch einen weiteren Sinn. Wir wollen Menschen, die vor Haien Angst haben, eine Methode bereitstellen, die es ihnen möglich macht, sich Haien nähern zu können, um ihre Ängste abzubauen.

Was ist die Zukunft?

Die Zukunft dieses Konzepts liegt in der Verbreitung. Es sollte von Menschen erlernt werden, die täglich oder gelegentlich im und am Wasser sind und so die Chance bestehen könnte, dass sie sich mit einem Hai konfrontiert sehen. Des weiteren soll dieses Konzept auch verfeinert und auf möglichst viele Arten erweitert werden. Keine zwei Arten reagieren in derselben Situation genau gleich. Es gibt sogar Unterschiede zwischen Männchen und Weibchen, Jungtieren und Adulten derselben Art. Wir versuchen, möglichst viele dieser kleinen Unterschiede bei Arten, die oft mit Menschen in Kontakt kommen, zu analysieren. Durch Verbreitung der entsprechenden Informationen helfen wir mit, dass das schlechte Image der Haie nicht durch unnötige Unfälle weiterhin verschlechtert wird.

* Dr. Erich K. Ritter ist Haibiologe und Adjunct Assistenz Professor an der Hofstra Universität, New York.

Veröffentlichung nur mit Quellenangabe: Shark Info / Dr. E. K. Ritter



  top

 

modifiziert: 04.06.2016 10:48