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Shark Info 3 / 01   (15.09.2001)

Author

  Intro:

Unfallanalysen als Hilfsmittel für aktiven Haischutz

Shark Info

  Hauptartikel:

Unfallanalysen als Hilfsmittel für aktiven Haischutz

Dr. E. K. Ritter

  Artikel 1:

Ist die Angst vor dem Hai begründet?

Nihal Özkara

  Artikel 2:

Jährliches Treffen der American Elasmobranch Society (AES)

Jürg Brunnschweiler

  Artikel 3:

Sinnvolle Nutzung oder Raubbau?

Harald Gay

  Fact Sheet:

Heringshaie

Dr. E. K. Ritter


Sinnvolle Nutzung oder Raubbau?

Von Harald Gay

Heringshai

Ein toter Heringshai (Lamna nasus).

© Innerspace Visions / Hai-Stiftung

Dass am 26. Juni 2001 ein Schwarm von fast 500 Heringshaien (Lamna nasus) dänischen Fischern in der Nordsee in die Netze ging, war eine Sensation für die Wissenschaft und natürlich auch für die Tagespresse. Während sich Wissenschaftler jedoch darüber freuten, dass die in nordeuropäischen Gewässern als fast ausgerottet geltenden Heringshaie endlich wieder in der Region auftauchen, machte die Presse auf Panik. Im Kielwasser des Medienrummels um die sich überstürzenden Meldungen von Haiunfällen in Florida war - meines Erachtens - die eigentliche Frage der Reporter an die Wissenschaftler: "Sind die Strände der Nordseebäder durch die «Haiflut» in Gefahr?"

Einem «Sechser im Lotto gleich» kommentierte ein Meeresbiologe und Wissenschaftler des Bundesforschungsamtes für Fischerei in Hamburg auf Anfrage der Reporter den Fang der dänischen Fischer, 250 Seemeilen vor der Küste Jütlands. Auf Anfrage von Shark Info teilte der Wissenschafter jedoch mit, dass er aus dem Kontext zitiert wurde und er lediglich auf die Wahrscheinlichkeit eines solchen Fangs hinwies und nicht das Glück der Fischer unterstreichen wollte.

Doch die wahre Brisanz dieser Meldung ging aus den Schlagzeilen nicht hervor. Der Heringshai (Lamna nasus) ist seit Mitte der 70er Jahre, als die norwegische Fischereiflotte zum grossen Fang auf den Heringshai "blies" und damit die Population an den Rand der Ausrottung brachte, ein selten gewordener Besucher der Nordsee und des Nordatlantiks. So war es auch laut der Pressemitteilung ein Zufall, dass die dänischen Fischer auf einen grossen Schwarm dieser Haie trafen. Die Fischer nutzten die Gelegenheit und fielen, wie in einem Goldrausch, über den Schwarm her und massakrierten fast 500 Heringshaie. Ein trauriger Willkommensgruss.

Nicht geklärt ist der Umstand, ob die Haie illegal mit Netzen gefischt wurden, was die hohe Zahl der gefangenen Tiere erklären würde. Nur mit Langleinen dürfen Heringshaie gefischt werden, das ist geltendes EU-Recht und verbindlich für alle europäischen Fischereinationen. Auf Anfrage beim Königlichen Dänischen Fischereiamt wurde lediglich mitgeteilt, dass die Langleinen-Fischerei in Dänemark auf Grund der geringen Fangergebnisse unüblich wäre, aber keinerlei Daten über den Fang beziehungsweise die Fangmethoden erhoben würden. Einzig die Resultate der Auktionen und die damit verbundenen Mengenangaben würden verfolgt und in einer Datenbank festgehalten.

Dass die durch die EU festgelegten Fangquoten für Heringshaie nicht realistisch sind, liegt auch an der Tatsache, das auf Grund der unklaren Rechtslage eine genauere Untersuchung der Hai Populationen in europäischen Meeresgewässern nicht möglich war.

Ein Aktivist von Greenpeace und ein Meeresbiologe der Schutzstation Wattenmeer kommentierten dieses Ereignis sehr kritisch. Ihr Vergleich war aus meiner Sicht sehr passend: "Inhaltlich ist das so, als wären in der Serengeti 500 Löwen niedergemacht worden" - mit dem Unterschied, dass hier ein Sturm der Empörung stattgefunden hätte und Spendenaktionen zum verbesserten Schutz dieser Tiere ins Leben gerufen worden wären.

Der Begriff «sinnvolle Nutzung der Meeresressourcen» wird in diesem Zusammenhang für mich zu einer Farce, die lediglich dazu dient, dem Raubbau weiter Vorschub zu leisten. Es ist, als ob wir die Kerbe an dem Ast, auf dem wir sitzen, wieder einmal ein Stück tiefer geschlagen hätten. Es öffnet mir auf ein Neues die Augen, dass die Probleme des Artenschutzes nicht fernab unser Heimat liegen, sondern schon direkt vor unserer Haustür beginnen.

* Harald Gay ist Korrespondent für Shark Info in Deutschland.

Veröffentlichung nur mit Quellenangabe: Shark Info / Harald Gay



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modifiziert: 04.06.2016 10:48