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Shark Info 3 / 01   (15.09.2001)

Author

  Intro:

Unfallanalysen als Hilfsmittel für aktiven Haischutz

Shark Info

  Hauptartikel:

Unfallanalysen als Hilfsmittel für aktiven Haischutz

Dr. E. K. Ritter

  Artikel 1:

Ist die Angst vor dem Hai begründet?

Nihal Özkara

  Artikel 2:

Jährliches Treffen der American Elasmobranch Society (AES)

Jürg Brunnschweiler

  Artikel 3:

Sinnvolle Nutzung oder Raubbau?

Harald Gay

  Fact Sheet:

Heringshaie

Dr. E. K. Ritter


Unfallanalysen als Hilfsmittel für aktiven Haischutz

Von Dr. E. K. Ritter

Hammerhai

Das Ende eines Grossen Hammerhaies.

© Dr. E. Ritter

Auf der einen Seite gibt es die Befürworter, die Haie unter Schutz stellen möchten oder zumindest deren Fischerei einschränken, da ein Unterlassen zu schweren und unkontrollierbaren Schäden in den Meeren führen könnte, auf der anderen Seite gibt es die Gegner, die vor diesen Tieren Angst haben und sich jeglichem Schutzgedanken entgegen stellen – und diese 2. Gruppe ist viel grösser. Gerade diese Angst ist es - durch einschlägige Filme kreiert und durch immer noch sensationslüsterne Berichte zu Haiunfällen am Leben gehalten -, die den Schutz für Haie so schwierig macht. Dabei ist diese Angst mehr als nur unbegründet, denn Haie stellen keine wirkliche Gefahr für den Menschen dar.

 

Weshalb hat man Angst vor Haien?

Eine scheinbar einfache Frage. Doch bei näherem Hinsehen ist eine Antwort eher schwierig. Wahrscheinlich ist es gar nicht der Hai, vor dem man Angst hat, sondern wird diese lediglich in dieses Tier hineinprojiziert. Man hat Angst vor dem Wasser, vor dem Dunkeln, vor der Tiefe… und das lässt sich auf ein einziges Tier abwälzen, dass darin herumschwimmt. Das Erstaunliche dabei ist, dass es den Hai gar nicht gibt, entsprechend kann es die Angst vor diesen Tieren auch nicht wirklich geben. Doch was ruft die Angst hervor, wenn man einen Hai sieht, oder sich einen solchen vorstellt? Sind es die Zähne, die - abgesehen von ganz wenigen Arten - nur gerade beim Beissen sichtbar werden, sind es die Augen, die Bewegungen…? Was immer es schlussendlich ist, es reicht, um Strände in kürzester Zeit leer zu fegen, wenn der Verdacht besteht, dass ein Hai in der Nähe ist, und dabei spielt es keine Rolle, um welche Art es sich handelt, ihre Grösse oder die Gründe des Auftauchens.

Je mehr ich mich mit der Angst vor Haien befasse, desto unverständlicher wird mir, weshalb man vor diesen Tieren wirklich Angst haben kann. Die wenigsten Menschen haben je einen Hai gesehen und noch weniger davon kamen wirklich in eine Situation, wo sie von einem solchen Tier bedroht wurden – und doch haben 9 von 10 Menschen vor diesen Tieren Angst. Definiert man Angst medizinisch, wird diese mit einem Spannungszustand beschrieben, verbunden mit Gefühlen der Beengtheit und Bedrohung; und diese Gefühle sind dann oft mit Körperreaktionen wie Zittern, Herzklopfen, Schweißausbrüche, aber auch Schlaflosigkeit und Übererregbarkeit verbunden. Eine solche Angst kann sowohl eine Reaktion von aussen sein wie beispielsweise eben eine wirkliche Bedrohung oder aber eine Reaktion, hervorgerufen durch seelische Konflikte. Da eine eigentliche Bedrohung vor Haien – wie bereits angetönt - nicht der Fall sein kann, da die meisten Menschen sich nie einer solchen Situation aussetzen würden oder hineingeraten, bleibt eigentlich nur der seelische Konflikt. Doch ein Konflikt wovon?

Doch so irrational diese Angst vor Haien auch ist, so dominant und wirklich ist sie, wenn es darum geht, diese Tiere zu schützen, und wenn sich dann gerade noch einige Haiunfälle in kurzer Zeit hintereinander ereignen, wie gerade in den USA und Bahamas geschehen, scheint jegliches Schutzbestreben nahezu aussichtslos. Würde das bedeuten, dass wenn es keine Haiunfälle mehr geben würde, dass dann der Haischutz leichter wäre? Wenn man das Ganze aus diesem Blickwinkel der Angst und der Reaktion nach solchen Unfällen betrachtet, müsste man dem zustimmen. Das würde entsprechend bedeuten, dass wenn man in der Lage ist, Haiunfälle von einem sachlicheren Standpunkt zu erklären und entsprechend dadurch die Denkweise der Bevölkerung halbwegs ändern könnte, man dadurch den Haien helfen könnte – Haiunfallanalyse als Mittel zum Haischutz.

Es ist wichtig zu verstehen, dass keine Haiart als solche gefährlich ist, sondern dass lediglich einzelne Tiere dieser Art, verglichen mit Tieren anderer Arten, eine niedrigere Schwelle besitzen, Unbekanntes zu beissen. Dabei ist es nicht so, dass der Hai das Unbekannte aus Aggression heraus beisst, sondern aus Neugierde, aus einem Spieltrieb heraus... Was immer aber schlussendlich der Grund dafür ist, es ist unumgänglich, dass man jeden Unfall, losgelöst von der Art untersuchen und das Tier als solches behandeln muss und dieses Ereignis nicht stellvertretend für alle Vertreter dieser Art annehmen darf.

Warum müssen Haiunfälle verstanden werden?

Haiunfälle müssen untersucht werden, um herauszufinden, was bei diesem einen Tier falsch gelaufen ist, verglichen zu all den anderen Vertretern dieser Art, welche noch nie in einen Unfall verwickelt waren. Ein sehr wichtiger Ansatz, denn es ist falsch, von einem Tier auf die ganze Art zu schliessen, doch leider ist das etwas gängiges, wenn irgendwo ein Haiunfall geschieht. Doch wie reagieren wir Menschen auf eine vergleichbare Situation bei uns? Würde in einem Dorf ein Mord geschehen, gingen wir dann entsprechend von der einen Person, die den Mord begangen hat, aus und stempeln das ganze Dorf als Mörder ab, nur weil er zur gleichen Gemeinde zählt? Wohl nicht, aber genau das tun wir mit Haien. Entsprechend müssen wir umdenken und uns von der Annahme wegbewegen, dass beispielsweise Tigerhaie, Weisse Haie, Bullenhaie etc. als solches gefährlich sind, sondern übergehen zum Ansatz, dass ein einzelner oder einige wenige Vertreter der Tigerhaie, Weissen Haie, oder Bullenhaie einen Unfall verursachten. Wenn wir zeigen können, weshalb das eine Tier dieser einen Art anders reagierte – und eben nicht artspezifisch handelte – bieten wir die Möglichkeit, solche Unfälle anders zu sehen und können damit an den Verstand des Zweifelnden appellieren und mithelfen, dass nicht die ganze Art, oder gar die Haie als solches, verdammt werden.

Unfallanalysen

Um einen Unfall zu verstehen, muss man diesen analysieren. Eine Unfallanalyse ist sehr vielschichtig und beinhaltet neben dem Sammeln von Informationen zum eigentlichen Unfall wie Polizei- und Ärzteberichte, Zeugenaussagen, Wetterberichte etc. und Untersuchungen vor Ort, eine eigentliche Wundanalyse zur Bestimmung der Art und der Grösse des Tiers, wie auch spätere Rekonstruktion der Wunde an Puppen und des eigentlichen Unfalls mit einem Vertreter der entsprechenden Art in ähnlichen Umständen. Unfallanalysen sind dabei wie Puzzles; verschiedene Teile müssen zusammengesetzt werden, um ein Bild zu erhalten. Wie bei diesen Spielen auch, ist es leider auch bei Unfällen so, dass gewisse Teilchen schwierig zu finden sind und ohne diese das Bild nicht wirklich Sinn macht und man nicht erkennen kann, was das Bild aussagt. Sind die wichtigsten Bausteine dann aber einmal zusammengefügt, kann die Geschichte erzählt und eben erklärt werden, wieso es zu diesem Unfall kam.

Es gibt keine unprovozierten Haiunfälle

Haiunfälle sind Ausnahmen und nicht die Regel. Keine zwei Unfälle sind gleich, doch lassen sich oft Rückschlüsse daraus ziehen und ähnliche Faktoren spielten eine Rolle. Und unabhängig von der Art des Unfalls, es ist nie der Hai, der den Unfall verursachte, sondern die Person eine Situation kreierte, die ein solches Ende herauf beschwörte. Haie agieren nicht in der Nähe eines Menschen, sondern reagieren. Und auch wenn die einschlägigen Statistiken glauben lassen möchten, dass nahezu alle Unfälle mit Weissen Haien (Carcharodon carcharias) unprovoziert waren, so muss dies nicht nur in Frage gestellt, sondern als falsch bezeichnet werden. Haie werden immer von Menschen provoziert - zwar nicht immer bewusst - aber sie sind in jedem Fall dafür verantwortlich. Das Problem dabei ist, dass wir oft nicht wissen, wenn wir einen Hai provozieren, oder uns in eine Situation hineinmanövrieren, die einen Unfall hervorrufen kann. Dabei ist es nicht so, dass nur das spätere Opfer die Situation hervorrufen kann, sondern oftmals Leute, welche zu diesem Zeitpunkt gar nicht im Wasser waren, wie beispielsweise Fischer, welche vom Ufer aus köderten und so die Haie anlockten.

Wie kann man sich besser vor solchen Unfällen schützen?

Es ist notwendig, dass Situationen, welche zu Unfällen führen könnten, bereits im Ansatz eliminiert werden. Entsprechend ist es notwenig, dass Unfälle aus einer solchen Sicht heraus behandelt werden und Weisungen herausgegeben, sollte es sich zeigen, dass gewisse Unfälle hätten verhütet werden können, wären diese oder jene Massnahmen in Kraft gewesen, oder gewisse Aktivitäten verboten. Aus diesem Grund kreierte die GSAF (Global Shark Attack File) des Shark Research Institute, Princeton, vor einigen Jahren eine Gruppe von Sachbearbeitern, die sich mit der Rekonstruktion solcher Unfälle sowohl im Labor als auch «im Feld» befassen, um die Umstände herauszufinden, die den Unfall provozierten und gegebenen Falls Empfehlungen an die lokalen Behörden oder andere involvierte Gruppen herausgeben, dass es nicht zu einer Wiederholung des Unfalls kommen kann.

Die Haie sind es nicht, die einen Unfall provozieren, sondern wir Menschen, die dies bewusst oder unbewusst tun. Eine Abhilfe ist notwendig, um das schlechte Image der Haie zu verändern und damit zu ermöglichen, dass auch diese Tiere unter Schutz gestellt werden können. Wenn die Menschen verstehen, dass ein Unfall nichts weiter ist, als eine Situation, die von Menschen kreiert und provoziert wurde, werden vielleicht einige beginnen umzudenken. Damit dies aber geschieht, muss jeder Unfall so verstanden und erklärt werden, dass kein Zweifel mehr besteht, dass nicht doch der Hai daran schuld gewesen sein könnte. Die wahren Ursachen zu Haiunfällen müssen publik gemacht werden und genauso verbreitet, wie der eigentliche Unfall, denn nur wenn realisiert wird, dass Haie nicht diese Tiere sind, wie sie immer noch in den Medien präsentiert und von den meisten Menschen gesehen werden, haben wir eine Chance, diese Tiere noch zu retten.

* Dr. Erich K. Ritter, Chief Scientist, Global Shark Attack File, Shark Research Institute, Princeton.

Veröffentlichung nur mit Quellenangabe: Shark Info / Dr. E. K. Ritter



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modifiziert: 04.06.2016 10:48