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Shark Info 3 / 01   (15.09.2001)

Author

  Intro:

Unfallanalysen als Hilfsmittel für aktiven Haischutz

Shark Info

  Hauptartikel:

Unfallanalysen als Hilfsmittel für aktiven Haischutz

Dr. E. K. Ritter

  Artikel 1:

Ist die Angst vor dem Hai begründet?

Nihal Özkara

  Artikel 2:

Jährliches Treffen der American Elasmobranch Society (AES)

Jürg Brunnschweiler

  Artikel 3:

Sinnvolle Nutzung oder Raubbau?

Harald Gay

  Fact Sheet:

Heringshaie

Dr. E. K. Ritter


Jährliches Treffen der American Elasmobranch Society (AES)

Von Jürg Brunnschweiler

Das 17. Treffen der American Elasmobranch Society (AES) fand dieses Jahr im Rahmen des jährlichen Treffens der American Society of Ichthyologists and Herpetologists vom 05. bis 10. Juli, zum zweiten Male nach 1999, in State College, Pennsylvania, USA statt. Gegen 450 Wissenschafter, mehrheitlich aus den USA, stellten ihre Forschungsergebnisse zur Biologie von Haien, Knochenfischen, Amphibien und Reptilien vor.

Im Verlaufe des AES Treffens fanden an vier Tagen Sessionen und Symposien zu Themenkreisen wie Fischerei und Populationen, Verhalten und Ökologie, Immunologie, Biochemie und Physiologie sowie Darstellung von Haien in der Kunst statt.

Ziel solcher Vorträge ist, Wissenschaftern anderer Institute und Universitäten gewonnene Ergebnisse vorzustellen, aber auch, sie zu diskutieren. Häufig werden nur am Rand Ergebnisse und Schlüsse erläutert; vielmehr werden Methoden und Arbeitstechniken, mit denen Resultate gesammelt wurden, präsentiert und diskutiert. Dieses Vorgehen kann, gerade bei der Arbeit mit Haien, von grosser Bedeutung sein. Wie sich auch dieses Jahr zeigte, ist es immer noch sehr schwierig, Daten von Haien in ihrer natürlichen Umgebung für wissenschaftliche Zwecke zu sammeln, und der Austausch von Ideen kann wertvolle Hinweise auf mögliche Schwierigkeiten geben. In diesem Zusammenhang war es wie in den vergangenen Jahren auffällig, welchen Raum die sogenannte «Tracking»-Methode einnahm. Bei dieser Methode werden Haie gefangen und mit Sendern verschiedenster Bauart und Technik versehen. Diese Sender senden Signale aus, die mit speziellen Geräten an der Wasseroberfläche, beispielsweise von einem Boot aus, empfangen werden können. So lässt sich verfolgen, wann, wo und wie tief ein Hai sich bewegte. Diese Bewegungsmuster können wertvolle Hinweise darauf geben, wo sich ein Hai im Tages- oder Jahresrhythmus aufhält und wie seine Verhaltensmuster aussehen. Die meisten Projekte, die mit dieser Methode durchgeführt wurden, bestachen zwar durch eine eindrückliche Datenmenge, jedoch fehlte meist eine wissenschaftlich relevante Schlussfolgerung. Der Wert solcher Studien bleibt fragwürdig, wenn die gewonnen Resultate nicht in einen verhaltensökologischen Kontext gestellt werden können.

In einigen Fällen kann diese Methode aber tatsächlich wichtige Hinweise auf die Biologie und das Verhalten von Haien geben. Bei Arten, die in tiefen Wasserschichten oder in kalten Gewässern leben und so von Biologen schwer direkt zu beobachten sind, können mit der oben dargestellten «Tracking»-Methode wertvolle Daten gewonnen werden. Erwähnt sei hier stellvertretend eine Studie mit Grönlandhaien, Somniosus microcephalus. Diese Haie leben in tiefen Wasserschichten unter dem arktischen Eis. Zu ihrem Verhalten gibt es nahezu keine Angaben. Wissenschaftern aus den USA ist es gelungen, sechs Grönlandhaie während 5.5 bis 31.4 Stunden mittels akustischen Sendern zu verfolgen. Die Resultate der Untersuchung deuten darauf hin, dass die Haie nachts aus der Tiefe in seichtere Gewässer aufsteigen. Ein möglicher Grund für dieses Verhalten könnte Nahrungssuche sein. Grönlandhaie ernähren sich mindestens teilweise von marinen Säugetieren, die in diesen weniger tiefen Wasserschichten leben.

Nur sehr wenige Wissenschafter präsentierten Studien, bei denen Haie unter natürlichen Bedingungen direkt beobachtet wurden. Gerade solche Untersuchungen wären aber am wertvollsten, um dem Ziel eines umfassenden Verständnisses der verschiedenen Aspekte des Verhaltens der Haie näherzukommen. Wie eindrücklich und aufschlussreich solche Beobachtungen sein können, zeigten zwei Biologen, die das Paarungsverhalten von Ammenhaien, Ginglymostoma cirratum, um die Florida-Keys untersuchten. Während Jahren filmten sie sich paarende Ammenhaie. Diese repetitiven Beobachtungen ermöglichten es ihnen, zehn Verhaltensweisen, die im Zusammenhang mit der Fortpflanzung stehen, zu identifizieren. Die Analyse dieser Verhaltensweisen zeigt eindrücklich, dass Haie über ein äusserst vielseitiges Repertoire an Verhaltensmustern verfügen. Die Tatsache, dass solche Beobachtungen zum Fortpflanzungsverhalten in der natürlichen Umgebung des Tieres in der Vergangenheit praktisch ausschliesslich mit Ammenhaien gemacht wurden, verunmöglicht allerdings eine objektive Einschätzung der genauen Bedeutung der beschriebenen Verhaltensweisen für andere Haiarten. Eine der grossen Herausforderungen für Haibiologen wird es sein, in Zukunft das Paarungsverhalten anderer Arten zu beobachten und zu analysieren und mit bereits existierenden Untersuchungen zu vergleichen.

Dieses Jahr fanden zwei Symposien statt, die eine spezielle Erwähnung verdienen. Das eine trug den Titel «Non-fisheries related human impact on elasmobranchs» und befasste sich mit den durch Menschen verursachten Einflüssen und Störungen auf Haipopulationen. Solche Störungen sind häufig und komplex, wie an einem Beispiel aus Südafrika gezeigt wurde. Dort wurde im Gebiet der Aliwal Shoal, einem bekannten Tauchplatz mit zahlreichen, gut zu beobachtenden Sandtigerhaien, Carcharias taurus, vor Jahren eine stationäre Unterwasserkamera in der Nähe einer Höhle aufgestellt, die von Sandtigerhaien als Aufenthaltsort benutzt wurde. Haie sind in der Lage, schwache elektrische Felder mit speziellen sensorischen Organen wahrzunehmen und werden höchstwahrscheinlich von solchen Feldern angezogen. Sporttaucher, die wussten, dass sich an dieser Stelle häufig viele Haie aufhielten, betauchten die Höhle immer öfter, um Sandtigerhaie zu fotografieren, und es kam zu Zwischenfällen mit diesen ansonsten harmlosen Tieren. Die Haie wurden mehr und mehr durch Taucher gestört, bis sie schliesslich aus dem Gebiet verschwanden. Neben dem zusätzlichen Einfluss durch die direkte Anwesenheit von Sporttauchern wird jetzt mit einer Studie untersucht, wie stark Haie von elektrischen Unterwassergeräten angezogen und möglicherweise negativ beeinflusst werden.

Weitere angesprochene potentielle Störungen für Haipopulationen sind durch Menschen eingebrachte Giftstoffe und Futterquellen. Während Ersteres unwidersprochen blieb und höchstens Schwierigkeiten mit der quantitativen Erfassung solcher Belastungen bestehen, gab die oft mit dem Tauchtourismus in Zusammenhang stehende Fütterung von Haien Anlass zu Diskussionen. Die Sprecher waren sich einig, dass ein extensiver Gebrauch von Futter, mit dem Ziel, Haie anzulocken, das Verhalten der Tiere ändern kann. Andererseits können mit dieser Methode auch wissenschaftliche Daten gewonnen werden, und oft ist es die einzige Möglichkeit, Haie in genügend grosser Zahl zu beobachten. Auch muss bei der Beurteilung von Haifütterungen für Touristen der edukative Effekt der Begegnung mit einem Hai in seiner natürlichen Umgebung auf Taucher berücksichtigt werden. Insgesamt ergab sich ein positives Bild mit Vorbehalten, und man war sich einig, dass Haifütterungen und die dadurch entstehenden Auswirkungen auf das Verhalten der Tiere, in Zukunft von der Wissenschaft genauer untersucht werden sollten.

Das zweite Symposium trug den Titel «From icons to art: the cultural significance of sharks and man». Diese bemerkenswerte Vortragsreihe bot Raum für Beiträge, die sonst an solchen Veranstaltungen selten sind. Die Biologie der Haie trat für einmal in den Hintergrund; anstelle davon gab es Beiträge zur Bedeutung und Darstellung von Haien bei den Alten Griechen oder über den Ursprung des englischen Wortes Shark und des spanischen Tiburón. Besonders erwähnenswert ist ein Vortrag, der sich mit der Symbolik von Süsswasserhaien und Sägefischen in nordaustralischen Aboriginalgesellschaften befasste. Auf spannende Art und Weise wurde dargelegt, welche Rolle diese Tiere in der religiösen Symbolik spielen und wie sie als Schöpfer verschiedenster Flusssysteme Nordaustraliens auch heute noch verehrt werden. In diesen Gesellschaften werden Haie und Rochen, im Gegensatz zu unserer westlichen Kultur, als für den Erhalt und das Funktionieren des Ökosystems Meer wichtige und schützenswerte Tiere betrachtet.

* Jürg Brunnschweiler, Projektleiter Green Marine, Miami, FL.

Veröffentlichung nur mit Quellenangabe: Shark Info / Jürg Brunnschweiler



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modifiziert: 04.06.2016 10:48