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Shark Info 3 / 00   (15.09.2000)

Author

  Intro:

AES-Tagung in La Paz, Mexiko

Shark Info

  Hauptartikel:

Walhaie: zentrales Thema an der AES-Tagung in La Paz, Mexiko

Shark Info

  Artikel 1:

Das Management von Haien und ihrer Verwandten

Shark Info

  Artikel 2:

Das brutale Geschäft mit Haiknorpel und Krebs

Dr. A. J. Godknecht

  Artikel 3:

Ein weiteres, marines Ökosystem in Südafrika in Gefahr?

Dr. E. K. Ritter

  Fact Sheet:

Walhaie

Dr. E. K. Ritter


Das brutale Geschäft mit Haiknorpel und Krebs

Von Dr. A. J. Godknecht

Haiknorpel - pulverisiert oder in Pillenform - wird als «edler Fitmacher» für gestresste Zeitgenossen vermarktet. Hauptsächlich als Nahrungsmittelzusatz verkauft, wird dem Haiknorpel leider häufig auch eine Art Anti-Krebswirkung zugeschrieben. So füllen diese Präparate die Kassen auf Kosten der Haie. Die Produkte zielen nicht nur auf die Gesundheitsfanatiker, sondern auch auf den Markt von Millionen von verzweifelten Krebskranken.

Die meisten Firmen sind jedoch schlau genug, ihre Produkte nicht als Medikamente gegen Krebs anzupreisen, denn das wäre illegal. Fakt ist: Haiknorpel wurde bis heute von keiner Zulassungsbehörde für Medikamente als Heilmittel akzeptiert. Die Wirkung der Knorpelpräparate gegen Krebs und andere entzündliche Erkrankungen wird entsprechend «nur» als angenehmer Zusatzeffekt kaschiert. Potentielle Kunden werden jedoch durch das Zitieren äusserst fragwürdiger medizinischer Publikationen sehr schnell auf diese Effekte aufmerksam gemacht.

Wie alles begann

Knorpelskelett

Hai-Knorpelskelett.

© Hai-Stiftung

«Sharks don't get cancer» oder in der deutschen Ausgabe «Warum Haie gegen Krebs immun sind» lautete der Titel des Buches von Dr. William I. Lane, das Anfang der 90er Jahre den «Run» auf Haiknorpel ins Rollen brachte. Es basierte auf einer Untersuchung von Forschern des Massachusetts Institute of Technology (MIT) von 1983, die feststellten, dass Knorpel von Kälbern und Haien die Blutversorgung und somit - indirekt - das Wachstum von Tumoren beeinträchtigte. Das Buch pries unter Zitierung fragwürdiger Studien Haiknorpel als All«Hai»lmittel gegen Krebs. Ein schlauer Schachzug, denn der geschäftstüchtige Agro-Biochemiker William Lane war seines Zeichens Präsident der amerikanischen Fischmehl-Handelsvereinigung und untersuchte im Auftrag der damaligen Reagan-Administration Investitionsmöglichkeiten in die Fischindustrie von Guinea. Ein wirksames Krebsmittel versprach ein Milliardengeschäft, unter anderem auch für Lane, der selbst Inhaber einer der grössten Firmen für Haiprodukte war.

Fakten

  • Haie bekommen Krebs. Bis heute wurden im wissenschaftlichen «Tumor Register von niederen Tieren» der George Washington Universität und in wissenschaftlichen Publikationen ca. 23 Krebsarten bei Haien registriert. Unter anderen auch Chondromas, also Knorpelkrebsarten.

  • Noch nicht genauer bekannte aktive Stoffe in Knorpel (unter anderem auch in Haiknorpel) haben eine wachstumshemmende Wirkung auf gewisse Tumore.

  • Es ist bis heute keine seriöse wissenschaftliche Studie bekannt, in der eine Haiknorpelkur nachweislich eine Wirkung auf menschlichen Krebs zeigte. Haiknorpelpräparate werden in der Regel oral oder als Einlauf verabreicht. Es ist möglich, dass die krebshemmenden Bestandteile, die zwar bei direkter Applikation in unmittelbarer Nähe des Tumors Wirkung zeigen, oral verabreicht im Magen verdaut oder durch die Magensäure zerstört werden.

  • Eine potentiell krebshemmende Wirkung ist nicht auf Haiknorpel beschränkt. Wie unter anderem in den Versuchen am MIT (1983) gezeigt werden konnte, zeigt auch Kälberknorpel eine ähnliche Wirkung.

Eine richtungsweisende Verurteilung in den USA

Am 30. Juni 2000 kam es nun zur ersten nennenswerten Verurteilung eines Haiknorpelpräprate-Produzenten. Die amerikanische Handelskommission FTC (Federal Trade Commission) forderte Lane Labs-USA Inc. und «Cartilage Consultants» zur sofortigen Einstellung der Vermarktung von Hai-Knorpel als Heilmittel gegen Krebs auf. Andrew Lane, dem Präsidenten von Lane Labs und seinem Vater, dem bereits bekannten Dr. William I. Lane und Eigentümer von Cartilage Consultants wurde vorgeworfen, unter Vorspiegelung falscher Tatsachen gemeinsame Sache bei der Vermarktung des Haiknorpelpräparates «BeneFin» und der Sonnencreme «SkinAnswer» gemacht zu haben. Lane Labs wurde zusätzlich zu 1 Million US Dollar Strafe wegen unlauterer Werbung verklagt.

Der Fall hatte sich schon über Monate hingezogen. Am 10. Dezember 1999 ging die Food and Drug Administration (FDA), die US Behörde, die unter anderem sämtliche medizinischen Präparate in den USA kontrolliert, wegen BeneFin und SkinAnswer vor Gericht. Der Fall wurde in der Folge von der FTC übernommen. Seither haben die Firmen erfolglos versucht, Kongressabgeordnete für ihre Sache einzuspannen und immer wieder argumentiert, dass sie grundlos angeklagt würden und die amerikanische Regierung nur versuchen würde, Bürger daran zu hindern «sichere und heilsame Nahrungszusätze» zu kaufen.
Beide Firmen akzeptierten aber schlussendlich sowohl die Verfügung als auch die Strafe. BeneFin und SkinAnswer werden nicht mehr als «klinisch getestete» Krebsmittel vermarktet. Die eine Million Dollar Strafe wird aufgeteilt. 550 000 Dollar gehen direkt in Form einer Strafe an die US Handelskommission. Die verbleibenden 450 000 Dollar kommen einem Forschungsprojekt über Haiknorpel des Nationalen Krebs Institutes zugute.

Normalerweise schreitet die FTC nicht derart massiv bei unlauteren Werbekampagnen ein. In diesem Fall, so Darren Bowie von der FTC, ordnete die Kommission jedoch eine drastische Strafe an, da die Firmen die Ängste einer speziell empfindlichen Bevölkerungsgruppe für ihren Vorteil ausnutzten.

Europa ist gefordert

In Europa stehen ähnliche Entscheidungen noch aus. Eventuell ist es hier schwieriger als in den USA, Vorspiegelung falscher Tatsachen nachzuweisen. Formulierungen wie «eine Reihe von Untersuchungen in verschiedenen wissenschaftlichen Zentren der USA und in Europa haben gezeigt, dass der tropische Haifisch-Knorpel ein starker Gegner der Krebserkrankungen sein kann» sind legal, da sie nicht direkt falsch sind, sie gaukeln jedoch den Kunden in direktem Zusammenhang mit Haiknorpel-Pillen eindeutig falsche Tatsachen vor.

Haiknorpelpräparate werden in der Schweiz zum Beispiel von der GLOBAL TRADING S.a.g.l. - Div. PHARMA in Bioggio (Ti) unter dem Namen «Same» vertrieben (http://www.same.ch). Literaturangaben zum Thema erhalten Sie vom Shark Info Büro.

* Dr. Alexander Godknecht ist Biologe, Präsident der Hai-Stiftung/Shark Foundation und Mitglied der Shark Info Redaktion. Er arbeitet am Zentrum Informatikdienste der Universität Zürich.

Veröffentlichung nur mit Quellenangabe: Shark Info / Dr. A. J. Godknecht



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modifiziert: 04.06.2016 10:48