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Shark Info 2 / 99   (15.06.1999)

Author

  Intro:

Ökonomische und ökologische Aspekte des Haitourismus

Shark Info

  Hauptartikel:

Unterwasserparks: ökonomische und ökologische Aspekte

Shark Info

  Artikel 1:

Gefährdete Kinderstuben

Dr. T. E. Hopkins

  Artikel 2:

Requiem für die Schillerlocken

Dr. A. J. Godknecht

  Artikel 3:

Aggressive Haie - Realität oder Fantasie?

Dr. E. K. Ritter

  Fact Sheet:

Dornhaie

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Aggressive Haie - Realität oder Fantasie?

Von Dr. Erich K. Ritter

Verwenden Menschen ihre Gefühle, um Lebewesen zu beschreiben wird dies als Anthropomorphismus bezeichnet. Das geht vom «bösen» Wolf, bis hin zum «schlauen» Fuchs, «tollpatschigen" Bären» oder der «falschen» Schlange. Dabei ist es nicht so, dass das Verhalten dieser Tiere den Attributen wirklich entspricht, sondern Menschen empfinden, sehen oder interpretieren es in dieser Weise. Es erstaunt also nicht, dass bestimmten, meist gefürchteten Tiergruppen wie Schlangen oder Haien, selten Attribute zugeordnet werden, die eine positive Haltung des Beobachtenden ausdrücken. Der "liebe" Hai wirkt für viele ebenso grotesk wie die "ehrliche" Schlange. Doch gerade weil Menschen gewissen Tiergruppen Etiketten verpassen, haben es einige Arten ungleich schwerer als andere, akzeptiert zu werden. Hierfür ist der«aggressive» Hai wohl eines der besten Beispiele.

Oft treten Menschen an mich heran, die mir ihre spezielle Haigeschichte erzählen und darüber diskutieren möchten. Die Geschichten beginnen und enden fast immer gleich - und meistens spielen aggressive Haie dabei eine zentrale Rolle. Doch wenn ich dann frage, weshalb der Hai zum Schluss nicht zugebissen hat, beginnt die Diskussion zu versiegen. Der Erzähler hat keine logische Antwort darauf, weshalb der doch so «aggressive» Hai dann nicht auch zubiss.
Sollte hier die Natur einen Unterschied gemacht und Kreaturen entwickelt haben, die sowohl aggressiv als auch harmlos sind? Wohl kaum, einmal mehr wurden Beobachter Opfer ihrer eigenen Fantasien und Vorurteile, einmal mehr verdeckt eine anthropomorphe Betrachtungsweise die Realität. Den aggressiven Hai gibt es genausowenig, wie den lieben Hai. Er ist lediglich ein Gebilde unserer Fantasie. Das Erstaunliche hierbei ist, dass aggressive Haie vorwiegend bei zwei Gruppen von Tauchern auftreten, bei Anfängern und bei erfahrenen Haitauchern, die sich vorwiegend in ein und demselben Tauchgebiet aufhalten.
Dass ein Anfänger oder ein Schwimmer einen aggressiven Hai gesehen haben möchte, ist leicht nachvollziehbar. Jeder Hai über einem Meter Länge wirkt gefährlich, eine Angst, die durch all die reisserischen Haifilme und Medienberichte suggeriert wird. Doch weshalb fallen erfahrene Haitaucher diesem Phänomen zum Opfer? Meine Erfahrung aus den vielen Gesprächen zeigt, dass diese Taucher meistens regelmässig an einem bestimmten Ort tauchen und sich allmählich an die Haie dieser Region gewöhnt haben. Nicht selten treffen sie dort immer wieder dieselbe Haiart oder ganz bestimmte Haiarten an. Die anfängliche Zurückhaltung der Taucher weicht mit der Zeit einer zunehmend forscheren Form, sich diesen Haien zu nähern. Bald vermeint man sich durchaus imstande, ein Treffen mit einem Hai abschätzen zu können. Man weiss, wie nahe man an den Hai herankommt, respektive wie nahe sich eine bestimmte Haiart an den Taucher heranwagt. Früher oder später entwickelt sich dann im Unterbewusstsein dieser Taucher ein Distanzgefühl für die Begegnung mit dieser Haiart und man weiss genau, wann dieser oder jener Hai abdrehen wird. Doch genau dieses scheinbare Vertrautsein in das Verhalten einer Haiart ist der Ursprung der aggressiven Haie. Unterschiedliche Haiarten besitzen unterschiedliche Annäherungs- oder Abdrehdistanzen und Aufmerksamkeitszonen, die auch der innere oder äussere Kreis genannt werden. Trifft nun ein in Haisachen erfahrener Taucher, der gewohnt ist, mit einer bestimmten Art zu tauchen, plötzlich auf einen Vertreter einer anderen, unbekannten Haiart, die zum Beispiel eine geringere natürliche Abdrehdistanz hat, erschrickt er. Achtung! Hai kommt wesentlich näher als gewohnt! Und die erste Reaktion ist ein Zurückziehen. Kommt nun dieser Hai wesentlich näher, ist er auch optisch wesentlich dominanter und verschiedene, aus der Ferne nicht wahrnehmbare Details erhalten eine neue Dimension: das Drehen der Augen, das Herunterdrücken der Brustflossen um abzudrehen sind auf kurze Distanz sehr eindrücklich. Ein weiteres Signal wird im Unterbewusstsein ausgelöst: Achtung! Hai dreht Augen, drückt Brustflossen hinunter! Diese bewusstere Wahrnehmung von bisher nicht in diesem Masse beobachteten Details hat zur Folge, dass der Taucher überzeugt ist, hier einen "aggressiven" Hai vor sich zu haben. Doch dieser scheinbar "aggressive" Hai war eben nichts weiter als ein Vertreter einer anderen Art, mit einer geringeren Abdrehdistanz als gewohnt.

Es ist generell falsch, Tiere durch Klischées zu beschreiben. Diesem Umstand muss Rechnung getragen werden, wenn Tierkampagnen ins Leben gerufen werden. Kuscheltiere zu schützen ist einfach. Wer stellt sich nicht gerne hinter Aktionen wie «Free Willy», «Rettet die Wale» oder «Schluss mit dem Abschlachten von Robbenbabys»? Nicht alle Tiere haben das Glück, in unser menschliches Kindchen-Schema zu passen und damit unsere Schutzinstinkte zu wecken. Doch es sind vielleicht gerade diese Tiere, die es zu schützen gilt, wenn wir auch in Zukunft in einem intakten Ökosystem leben möchten.

* Dr. Erich K. Ritter ist Haibiologe und Adjunct Assistenz Professor an der Hofstra Universität, New York.

Veröffentlichung nur mit Quellenangabe: Shark Info / Dr. Erich K. Ritter



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modifiziert: 04.06.2016 10:48