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Shark Info 2 / 98   (15.11.1998)

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  Intro:

Haiunfälle oder Haiangriffe 1/2

Shark Info

  Hauptartikel:

Haiangriffe - ein andauernd faszinierendes Rätsel

Dr. E. K. Ritter

  Artikel 1:

Haiangriffe im Mittelmeer

Ian K. Fergusson

  Artikel 2:

Umfrage: Wieviel wissen Sporttaucher über Haie und Haiunfälle?

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Haiangriffe - ein andauernd faszinierendes Rätsel

Von Dr. Erich K. Ritter

Haie gehören zu den am besten angepassten Wirbeltieren der Weltmeere und verfügen über eine Vielzahl hochentwickelter Sinne. Sie sind nicht nur in der Lage akustische, optische und geruchliche Reize wahrzunehmen, sondern auch Veränderungen von Wasserdruck und bioelektrischen Feldern. Kein anderes marines Lebewesen kann in der Anzahl seiner Sinne mit den Haien konkurrenzieren. Sie sind in dieser Hinsicht einzigartig. Durch ihre ausserordentlichen Fähigkeiten können Haie das artspezifische «Reizfeld» jedes marinen Organismus analysieren.

Hai als Ware

Auf vielen Fangschiffen gelten Haie als «Ware» - nicht als Lebewesen - und werden mit fragwürdigen Methoden an Bord gehievt.

© Shark info

Die Natur lehrt uns, dass Organismen, die sich in der gleichen Umgebung entwickelten, in der Lage sind, sich gegenseitig zu erkennen und einander richtig einzuordnen. In der langen Entwicklungsgeschichte passten sich so die Tiere aneinander an und lernten, ihr Verhalten aufeinander abzustimmen. Diese Entwicklung dauert jeweils viele Tausende oder gar Millionen von Jahren, bis sie schliesslich «instinktiv» wird. So reagieren Fische, Seehunde, Delphine und andere Meeresbewohner ganz spezifisch auf Haie und umgekehrt. Zwischen Organismen, die sich in den Meeren entwickelten, findet also eine erfolgreiche und sinnvolle Interaktion statt. Dinge jedoch, die nie Bestandteil der Ozeane waren, können nicht oder nur beschränkt analysiert werden. Da Menschen keine Meerestiere sind, ist ein Hai nicht in der Lage zu «erkennen», was ein Mensch ist. Ein Hai kann seine Sinne nur im Rahmen des Gewohnten einsetzen und versuchen einen Menschen mit dem Geruchssinn, optisch oder bioelektrisch zu beurteilen. In den meisten Fällen wird ein Hai auf einen Menschen reagieren. Diese Reaktion erfolgt jedoch nicht auf den als solchen erkannten Menschen, sie ist lediglich ein Versuch des Hais mit seinen vorhandenen Sinnen etwas Unbekanntes zu erfassen.

Dabei ist es - auch wenn der untersuchte Organismus eben nicht marinen Ursprungs ist - möglich, dass ein aufgefangener Reiz wie Aussehen, Geräusch oder elektrisches Feld einem dem Hai bereits bekannten Organismus ähnelt. So wird etwa ein Taucher in einem schwarzen Anzug kaum den Geruch eines Seehundes verbreiten. Vielleicht erinnern dessen Erscheinungsbild und bioelektrisches Feld aber schon eher an einen Seehund und erzeugen möglicherweise eine Annäherung des Hais. Der Hai nimmt nun nicht einfach an, dass es sich beim Taucher tatsächlich um einen Seehund handelt, er erkennt lediglich ein an einen Seehund erinnerndes Objekt. Da er jedoch das Wahrgenommene nicht abschliessend analysieren und auch nicht definitiv ausschliessen kann, dass es sich dabei nicht um etwas Fressbares handelt, wird der Hai möglicherweise zubeissen und die Essbarkeit mit seinen Geschmacksknospen testen. Das «Schmecken» stellt das abschliessende Kriterium für das Fressen oder Loslassen potentieller Beute dar.

Unfälle sind keine Irrtümer

Im Zusammenhang mit Unfällen mit Surfern wird meist von einem «Irrtum» des Hais gesprochen. Man nimmt vereinfachend an, der Hai habe den Wellenreiter mit einem Seehund verwechselt. Diese Theorie hält sich seit vielen Jahren hartnäckig, weil sie aus menschlicher Sicht so plausibel scheint und die gängige Irrmeinung, dass Haie primitive Tiere seien, bequem bestätigt. Deshalb scheint auch der Irrtum als tatsächliche Unfallursache entsprechend nahezuliegen. Doch die scheinbar so plausible «Unfallursache» ist, kritisch betrachtet, nichts weiter als eine gefällige Idee. Haie sind keine dummen Fressmaschinen! Im Gegenteil sind sie sehr intelligente Kreaturen. Verwendet man die gängigen Kriterien zur Definition von Intelligenz, wie Lernen, Erinnern, oder auch das Reagieren in unbekannten Situationen, stehen Haie selbst höher gestellten Tiergruppen in nichts nach. Zieht man das Verhältnis zwischen Hirn- und Körpermasse als Kriterium heran, sind die Haie sogar mit vielen Säugetieren - immerhin die Tiergruppe, der auch wir Menschen angehören! - vergleichbar.

Die Entwicklung der Haie dauerte rund 400 Millionen Jahre und findet ihren vorläufigen Höhepunkt in den heute lebenden Haiarten. In dieser langen Zeit hatten die Haie sich mit vielen anderen Tiergruppen auseinander zu setzen. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass die Haie - als heute so dominierende Tiergruppe des marinen Lebensraums - ihre Jagdstrategie auf «Irrtümern» aufbauen konnten. Träfe dies zu, wären sie längst als blosse «Spielerei der Natur» ausgestorben. Schon zu oft hat uns unsere anthropozentrische Ansicht eine falsche Idee vorgaukelt. Der Versuch des Menschen, eine Situation aus seiner Sicht zu erklären, ist natürlich und verständlich, in der Verhaltensbiologie aber ein gefährlicher Ansatz. Wir Menschen erfassen unsere Umgebung in erster Linie mit den Augen. Entsprechend versuchen wir auch einen Haiangriff auf einen Surfer primär mit diesem Sinnesorgan zu erklären. Haie besitzen jedoch weit mehr Sinne, die sie zur Analyse einer Begegnung mit einem Surfer einsetzen können. Diese Tatsache ist bei einer Interpretation eines Haiunfalles zu beachten. Doch gerade gegenüber Haien wird oft vorschnell geurteilt und die alten Theorien hielten sich über Jahre hinweg. Haie beissen nicht aus Irrtum zu! Ein Biss erfolgt auch nicht aufgrund einer Verwechslung zum Beispiel eines Tauchers mit einem Seehund. Ein Hai beisst zu, weil er etwas für ihn Unbekanntes - mit den Geschmacksknospen im Maul - beurteilen will.

Die folgende Frage drängt sich nun förmlich auf: Warum werden weltweit nur so wenige Surfer von Haien gebissen? Surfer sind doch für jeden Weissen Hai etwas gänzlich Neues. Entsprechend müsste doch jede Begegnung mit einem Biss enden und die Strände wären mit verbissenen Surfbrettern regelrecht übersät. Für die Erklärung spielt die Evolution der Haie als Topräuber der Meere eine wichtige Rolle. Unbekanntes ist immer potentiell gefährlich und - selbst für Haie - mit einem gewissen Risiko verbunden. Die Annäherung oder das Zubeissen sind deshalb als Ausnahme und nicht als Regel zu verstehen!

Blut - die universelle Auslösesubstanz für Haiangriffe?

Würde in einer Umfrage auf der Strasse nach dem besten Stimulanzmittel für die Auslösung eines Haiangriffs gefragt, käme mit grosser Sicherheit die Antwort «Blut» an erster Stelle. Diese anscheinend universell akzeptierte Meinung herrscht bei Laien und Fachleuten gleichermassen vor. Für die meisten Menschen ist «Blut im Wasser» gleichbedeutend mit «wilder Fressorgie» der Haie. Wie beim «Hai-Surfer-Phänomen» bestehen bezüglich Blut ähnlich fehlgeleitete Erklärungsmechanismen. Doch das vermeintlich Naheliegende ist nicht «der Weisheit letzter Schluss». Blut ist nicht gleich Blut! Das Blut jeder Tierart besitzt eine eigene, artspezifische Zusammensetzung aus Plasmaproteinen, anorganischen Ionen und Salzen, organischen Nährstoffen und stickstoffhaltigen Abfallprodukten, um nur einige zu nennen. Versuche zeigen, dass Haie äussert sensible Geruchsorgane besitzen und zum Beispiel nicht auf Zucker sondern auf Proteine reagieren. Schon dies zeigt deutlich, dass sich mit dem Geruchsorgan des Hais über Millionen von Jahren ein sehr differenziertes Ortungsorgan entwickelte. Aber mit seinem hochspezialisierten Geruchssinn kann der Hai nur ihm bereits bekannte Tiere aufgrund ihrer Blutzusammensetzung identifizieren. Gewisse Blutbestandteile können ihn an bekannte Organismen erinnern und deshalb durchaus eine Annäherung auslösen. Der Hai erkennt jedoch genau, dass das gerochene Blut ihm nicht vollständig bekannt ist, und wird sich entsprechend vorsichtig nähern.

Es ist nun fraglich, ob überhaupt generell von einem durch Blut induzierten «Fressrausch» gesprochen werden darf. Neuere Untersuchungen zeigen, dass es sich beim «Fressrausch» wahrscheinlich nicht um ein unorganisiertes Prügeln um Futter, sondern um ein schnell ablaufendes, hierarchisches Fressen handelt. Blut kann zwar mithelfen, gewisse Verhaltensweisen zu beschleunigen, es betäubt aber weder die Sinne der Haie noch bewirkt es zwingend einen regelrechten «Rauschzustand». Wie schon für den «Irrtumsbiss» bei Surfern, etablierte sich auch bezüglich der Wirkungen von Blut auf die Haie eine gängige Ansicht, die von den Medien schon viel zu lange kritiklos herumgetragen wird.

Überholte und eingefahrene Theorien müssen neu überdacht werden

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde eine Komitee gegründet, das die Aufgabe hatte, ein Hai-Abwehrmittel zu finden. Um die Angriffsweise der Haie besser verstehen zu können, wurde damals damit begonnen, alle Daten der Angriffe zu sammeln und zu analysieren. Dabei stand immer das Ereignis selbst im Vordergrund. Nie wurde auch die Biologie des Tieres untersucht. Diese kurzsichtige Denkweise hat sich bis heute erhalten. Noch immer werden Unfälle vorwiegend aus dieser Sicht analysiert und nur die äusseren, vermeintlich zu Unfällen führenden Faktoren beschrieben: Blut, Geräusche, Erscheinungsbild, usw. Um die wirklichen Unfallursachen zu finden oder auch nur besser erklären zu können, müssen zwingend Biologie und Verhalten der Haie herangezogen werden. Will man weitere, sinnlose Hai-Massaker aus Angst, Unverstand oder Profitgier vermeiden, muss alles daran gesetzt werden, die Forschung in Richtung Biologie und Verhalten zu lenken. Für die breite Masse stellt der Hai noch immer überwiegend ein dummes, aus Irrtum und Unfähigkeit zubeissendes Monster dar. Viele Menschen empfänden es sogar als Segen, wenn diese Tiere nicht mehr in den Meeren schwimmen würden. Entsprechend stehen Haischutz-Kampagnen auf wackeligen Beinen. Doch Haie sind ein zentraler und unverzichtbarer Baustein im Gleichgewicht der Meere und müssen mit allen zu Verfügung stehenden Mitteln erhalten werden. Ein richtiges Verständnis der tatsächlichen Ursachen der Haiunfälle trüge massgeblich dazu bei, das unberechtigt schlechte Image der Haie zu verbessern. Und käme die längst überfällige Image-Verbesserung letztlich nicht auch uns Menschen zugute?

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* Dr. Erich K. Ritter ist Haibiologe und Adjunct Assistenz Professor an der Hofstra Universität, New York.

Veröffentlichung nur mit Quellenangabe: Shark Info / Dr. Erich K. Ritter



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modifiziert: 04.06.2016 10:48