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Shark Info 2 / 00   (15.05.2000)

Author

  Intro:

Mexiko: Massaker in Unterwasserpark

Shark Info

  Hauptartikel:

Mexiko: Driftnetz-Flotte schlachtet Tausende von Haien im einzigen Unterwasserpark ab

Shark Info

  Artikel 1:

Das Marine Stewardship Council

Dr. A. J. Godknecht

  Artikel 2:

Untersuchungen zu Surfbrett - Unfällen

Dr. E. K. Ritter

  Artikel 3:

Neuer Shark Info Webserver

Shark Info

  Fact Sheet:

Bogenstirn Hammerhai

Dr. E. K. Ritter


Von Dr. A. J. Godknecht

MSC Logo

Das Marine Stewardship Council

1996 starteten der WWF und Unilever ein gemeinsames Projekt, das die Erhaltung der Produktivität der Meere zum Ziel hatte. Das Resultat dieses Projektes war die Gründung des Marine Stewardship Council (MSC) im Februar 1997.

Das Marine Stewardship Council (frei übersetzt: Rat der Verwalter der Meere) ist eine unabhängige, internationale Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Ressourcen der Meere zu erhalten und sich für die nachhaltige Bewirtschaftung dieser Ressourcen einzusetzen (siehe Kasten: Mission des MSC). Das MSC ist jedoch nicht mit einer Naturschutzorganisation im eigentlichen Sinn zu verwechseln, denn es hat primär wirtschaftliche Interessen. Diese Interessen haben jedoch auch einen starken naturschützerischen Aspekt.

Die Basis für die Schaffung des MSC waren die folgenden Überlegungen:
Die Fischreserven unserer Meere zählen zwar zu den erneuerbaren Rohstoffen, sie sind jedoch weder unerschöpflich noch unzerstörbar und müssen entsprechend vorsichtig und nachhaltig bewirtschaftet werden.

Der Ausdruck «Fisch» wird in diesem Zusammenhang nicht ausschliesslich für klassische Knochenfische wie Lachs, Hering, Thunfisch oder Makrele benutzt, sondern steht für alle kommerziell genutzten Tiere der Meere. Unter dem Sammelbegriff Fisch tummeln sich so verschiedene Tierklassen wie Haie, Hummer, Langusten und Shrimps oder Austern, um nur einige zu nennen.

Um eine nachhaltige Bewirtschaftung der marinen Ressourcen zu garantieren, ist es unabdingbar, dass alle Glieder in der Kette der Fischverarbeitung in die Erhaltung der globalen Fischbestände eingebunden werden. Die beteiligten Parteien sind die kommerzielle Fischerei, die fischverarbeitende Industrie und Endabnehmer wie Restaurants oder der Fisch-Detailhandel. Doch auch die Regierungen sind angesprochen. 1982 nahmen alle Küstenstaaten die Konvention der Vereinigten Nationen über das «Gesetz der Meere» an. Da etwa 95% der weltweiten Fischerei in den nationalen 200 Meilen Zonen dieser Staaten betrieben wird, haben diese das Recht über, aber auch die Verantwortung für die Fischressourcen in ihren nationalen Gewässern übernommen.

Das MSC bietet allen Parteien - auf freiwilliger Basis - die Möglichkeit, seine Fischereistandards zu übernehmen. Diese Standards (siehe Kasten) wurden 1997 in internationalen Workshops , bei denen die unterschiedlichen Interessensgruppen vertreten waren, diskutiert und verabschiedet. Die Standards sind jedoch nicht statisch, sondern werden laufend den Erfordernissen angepasst.

Die Annahme der Standards des MSC kann auf zwei Arten geschehen.

1. Man wird Unterzeichner des MSC («Signatory»)

Die Unterzeichnung ist kostenlos. Ein Unterzeichner der Standards des MSC akzeptiert und bekennt sich damit öffentlich zu den Standards des MSC. Die Liste der «Signatories» kann auf den Internet-Seiten des MSC (www.msc.org) jederzeit eingesehen werden. Ein Beispiel eines Unterzeichners ist der Migros Genossenschaftsbund, die grösste Schweizer Einzelhandelskette. Aufgrund seiner ethischen Richtlinien, dem Druck der Konsumenten, aber auch als Folge der Annahme der MSC Standards nahm der Migros Genossenschaftsbund ab dem 1. Februar 2000 sämtliche Hai-Produkte aus seinem Sortiment.

Weitere Beispiele der momentan ca. 125 «Signatories» sind neben fischverarbeitenden Firmen und internationalen Organisationen der Bundesverband der deutschen Fischindustrie, die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (Deutschland), die Verbraucherzentrale (Deutschland) und die Nordsee GmbH (Deutschland).

2. Zertifizierung

Das Zertifizierungsprogramm des MSC ist laut James Bell vom MSC primär für die fischverarbeitenden Industrien konzipiert. Eine solche fischverarbeitende Industrie kann sich durch vom MSC akkreditierte Zertifizierungs-Agenturen, ähnlich CE, ISO 9001 oder dem grünen Punkt, zertifizieren lassen. Eine Zertifizierung kostet 750 US Dollar (ca. 1270 CHF oder 810 Euro), Folgekosten nicht mit eingerechnet. Je nach Grösse der untersuchten Industrie dauert der Zertifizierungsprozess bis zu einem Jahr und beinhaltet unter anderem öffentliche Anhörungen, Besuche durch Expertenteams, Analysen der Management Strukturen und die Begutachtung der Untersuchung durch eine unabhängige Expertenkommission.

Die Einhaltung der MSC Standards wird in jährlichen Revisionen geprüft und alle 5 Jahre muss der gesamte Zertifizierungsprozess wiederholt werden.

Das MSC ist eine vergleichsweise sehr junge Organisation und da die Zertifizierung zudem auf freiwilliger Basis erfolgt, gibt es für sie erst zwei grössere Beispiele, die der westaustralischen Hummer und der «Thames» Hering Fischerei Englands. Ein drittes wird voraussichtlich die Lachsfangindustrie Alaskas werden. Das MSC schätzt, dass derzeit weltweit zirka 15 bis 20 Fischerei-Industrien in den frühen Phasen der Zertifizierung stehen. Das MSC kann hier nur eine Schätzung vorlegen, da die Industrien vertraulich an die Zertifizierungs-Agenturen herantreten und das MSC in den frühen Phasen noch nicht informiert werden muss.

Da sich offensichtlich erst wenige Fischerei-Industrien um eine Zertifizierung bemüht haben, werden Detailpunkte der Standards noch von Fall zu Fall, der Situation entsprechend, angepasst. Das MSC arbeitet zur Zeit jedoch an allgemeingültigen Standards, die von den beauftragten Agenturen angewandt werden können.

Wird nach MSC Kriterien und MSC zertifiziert gefischt, so können die anderen Glieder der Kette bis zum Konsumenten, die fischverarbeitende Industrie, Restaurants und der Detailhandel von dieser Zertifizierung profitieren. Sie müssen nur noch nachweisen können, dass ihre Produkte ausschliesslich von zertifizierten Herstellern stammen.

Haifänge werden laut MSC bei der Zertifizierung nicht direkt berücksichtigt. Sie fallen jedoch unter Prinzip 2 der MSC Standards:
«Die Fischerei muss auf eine Art betrieben werden, dass die Struktur, Produktivität, Funktion und Vielfalt des Ökosystems, von dem die Fischerei abhängig ist, erhalten bleibt. Dies schliesst den Lebensraum sowie ökologisch verbundene Arten mit ein». Haie in Beifängen werden vom Prinzip 3 (Kriterium B, siehe Kasten) abgedeckt.

MSC Logo

Das MSC-Logo klebt bei uns noch auf keiner Büchse, ziert noch keine Auslage eines Fischladens und man kann es auch noch auf keiner Speisekarte finden. Doch das MSC ist jung. Obwohl erst sehr wenige fischverarbeitende Firmen und Industrien in der Liste der Unterzeicher auftauchen, und sich noch weniger einer effektiven Zertifizierung unterworfen haben, verspricht der vom MSC eingeschlagene Weg Erfolg. Das MSC versucht nicht sein Ziel mit immer mehr Gesetzen, Regulationen und Direktiven zu erreichen, sondern rechnet mit den Mechanismen des Marktes und damit der Macht der Konsumenten. Betrachtet man den Erfolgszug der ISO oder CE Zertifizierung, die ebenfalls auf freiwilliger Basis geschieht, so hat der Weg des MSC grosses Potential.

Sobald eine gewisse kritische Masse an Fischereiindustrien zertifiziert ist, können die anderen Glieder der Kette sich ebenfalls zertifizieren und das MSC-Logo als Gütesiegel tragen. Dann liegt es bei den Konsumenten, ob sie Produkte von Firmen wählen, die sich zu den MSC Standards zur nachhaltigen, verantwortungsbewussten und ökologisch sinnvollen Bewirtschaftung der Meere bekannt haben.

Shark Info und die Hai-Stiftung haben eine Aktion gestartet, um dem Migros Genossenschaftsbund zu seinem mutigen und wegweisenden Schritt, alle Hai-Produkte aus dem Sortiment zu nehmen, zu gratulieren und ihn in seiner Entscheidung zu bestätigen. Sie können der Abteilung Umwelt/Ethik der Migros von den Web-Seiten von Shark Info aus eine E-Mail schicken. Bitte gehen Sie hierfür auf die Web-Seite: Aktionen. Je mehr E-Mails desto besser!

Kasten

Mission des MSC

Das MSC fördert die verantwortungsbewusste, umweltgerechte, sozialverträgliche und ökonomisch sinnvolle Fischerei. Die Biodiversität (Vielzahl der Arten), die Produktivität und die ökologischen Prozesse der Meere sollen durch folgende Massnahmen geschützt werden:

  • Die Erhaltung der Fischpopulationen und des marinen Ökosystems, in dem sie leben.
  • Die Förderung verantwortungsbewussten Fischens für den Erhalt der globalen Fischpopulationen und die allgemeine Gesundheit der Meere.
  • Schaffung und Förderung einer breiten Palette von Kriterien zur nachhaltigen Befischung.

Standards

Prinzip 1

Die befischten Populationen dürfen nicht überfischt werden und die Fischerei darf nicht zu einer Reduktion der Populationsgrösse führen. Werden durch die Fischerei schon negativ beeinflusste Populationen befischt, muss in einem Masse gefischt werden, dass sich die Populationen wieder erholen können.

Kriterien:

  1. Es muss auf eine Weise gefischt werden, dass eine hohe Produktivität der befischten Art garantiert bleibt, keine mit der befischten Art ökologisch verbunden Arten negativ beeinflusst werden und die Fangmenge muss in Relation zur Produktivität der Art stehen.
  2. Eine bereits überfischte Art muss auf eine Weise befischt werden, dass sie sich wieder bis zu einem definierten Niveau erholen kann. Dieses Niveau muss vorsichtig für einen spezifizierten Zeitraum gewählt werden und soll eine langfristige Nutzung der Art garantieren.
  3. Durch die Befischung dürfen weder die Altersstruktur, die genetische Struktur oder die Geschlechtszusammensetzung so beeinflusst werden, dass die Reproduktionsraten der befischten Populationen sinken.

Prinzip 2

Die Fischerei muss auf eine Art betrieben werden, dass die Struktur, Produktivität, Funktion und Vielfalt des Ökosystems, von dem die Fischerei abhängig ist, erhalten bleibt. Dies schliesst den Lebensraum sowie ökologisch verbundene Arten mit ein.

Kriterien:

  1. Die Fischerei darf die natürlichen, funktionellen Vernetzungen von Arten nicht stören. Sie darf nicht zu Änderungen in der Nahrungskette führen.
  2. Die Fischerei darf die Artenvielfalt weder auf genetischer Ebene noch auf dem Art- oder Populationsniveau bedrohen. Die Tötung oder Verletzung gefährdeter, bedrohter oder geschützter Arten muss vermieden oder zumindest minimiert werden.
  3. Durch die Befischung dürfen weder die Altersstruktur, die genetische Struktur oder die Geschlechtszusammensetzung so beeinflusst werden, dass die Reproduktionsraten der befischten Populationen sinken (siehe Prinzip 1, Kriterium 3).

Prinzip 3

Die Fischerei muss effizient geführt und überwacht werden. Das Management respektiert lokale, nationale und internationale Gesetze und schafft Strukturen, die eine verantwortungsbewusste und langfristige Nutzung der befischten Ressourcen garantiert.

Ziel von Prinzip 3 ist, dass Strukturen geschaffen werden, die es ermöglichen, Prinzip 1 und 2 zu implementieren, entsprechend der Grösse und des Umfangs der Industrie.

A. Management Kriterien (Zusammenfassung)

Die 11 Management Kriterien behandeln unter anderem die Einhaltung internationaler Übereinkünfte, den Informationsfluss innerhalb der Industrie und zwischen beteiligten Industrien, kulturelle Gesichtspunkte, periodische Überprüfung der Bestände und effiziente Entscheidungsstrukturen.

B. Operationelle Kriterien (Zusammenfassung)

Die 6 operationellen Kriterien beschäftigen sich mit der effektiven Art der Befischung.
So muss zum Beispiel auf eine Art und Weise und mit Material gefischt werden, dass weder andere Arten, noch zu kleine, zu junge oder Individuen des falschen Geschlechts gefangen werden. Beifänge müssen so gut als möglich vermieden werden und möglichst lebend wieder ins Meer zurückgeworfen werden (dieser Punkt ist zum Beispiel sehr wichtig in Bezug auf Haie, Anm. der Redaktion). Fischen mit Explosivstoffen oder Giften ist gänzlich untersagt.

Die Prinzipien des MSC sind detailliert auf dessen Web-Seiten (www.msc.org) publiziert.

* Dr. Alexander Godknecht ist Biologe, Präsident der Hai-Stiftung/Shark Foundation und Mitglied der Shark Info Redaktion. Er arbeitet am Zentrum Informatikdienste der Universität Zürich.

Veröffentlichung nur mit Quellenangabe: Shark Info / Dr. A. J. Godknecht



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modifiziert: 04.06.2016 10:48