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Shark Info 1 / 99   (15.02.1999)

Author

  Intro:

Haiunfälle oder Haiangriffe 2/2

Dr. E. K. Ritter

  Hauptartikel:

Welche Haiarten sind überhaupt gefährlich?

Dr. E. K. Ritter

  Artikel 1:

Das Global Shark Attack File (GSAF)

Marie Levine

  Fact Sheet:

Die Biologie des Riesenmaulhais

Dr. J. F. Morrissey


Fact Sheet: Die Biologie des Riesenmaulhais

Von Dr. John F. Morrissey

Die Geschichte der Entdeckung der Riesenmaulhaie (Megachasma pelagios) ist fast so interessant wie ihre Biologie selbst. Eigentlich hätte man diese Art, deren Vertreter meist eine Länge von 500 cm erreichen, schon vor vielen Jahren entdecken müssen. Das erste Exemplar wurde jedoch erst am 15. November 1976 ausgemacht. Jener Hai, ein 446 cm langes Männchen, wurde von einem U.S. Navy Schiff vor Kahuku Point, Oahu, Hawaii, gefangen, als die Mannschaft ihren Treibanker heraufzog, in dem sich der Hai verfangen hatte. Seltsamerweise wurde dieser faszinierende Hai bis 1983 wissenschaftlich nicht beschrieben (Taylor et al., 1983), obwohl bereits im Jahr zuvor seine einzigartigen Parasiten beschrieben worden waren (Dailey and Vogelbein, 1982). Danach wurde erstaunlicherweise für fast zehn Jahre kein weiterer Riesenmaulhai mehr gesichtet. Zu jener Zeit nahmen die Biologen an, dass die Seltenheit dieser Art darauf beruhe, dass diese Tiere normalerweise in tiefen, pelagischen Regionen der Meere lebten.

Das zweite Exemplar wurde am 29. November 1984, also fast acht Jahre nach dem ersten Fund, von Berufsfischern mit einem Tiefseenetz vor Catalina Island, Kalifornien, gefangen (Lavenberg and Seigel, 1985). Dieses 449 cm lange Männchen wurde präpariert und kann heute vom Publikum im Los Angeles County Museum in Kalifornien besichtigt werden.

Und wiederum mussten die Wissenschafter mehrere Jahre warten, bis ein weiterer Riesenmaulhai gefangen wurde. Am 18. August 1988 wurde ein 515 cm langes Männchen rund 50 km südlich von Perth, Westaustralien, in der Nähe des Mandurah-Estuariums, ans Ufer gespült (Berra and Hutchins, 1990; Berra and Hutchins, 1991). Dieses dritte Exemplar, das im Westaustralischen Museum ausgestellt wurde, war insofern bemerkenswert, als es eine Vergrösserung des Verbreitungsgebietes zum östlichen Indischen Ozean hin belegte. Die weite Verbreitung von Kalifornien bis Westaustralien ist typisch für Tiefseearten, weil die Bedingungen in der Tiefsee relativ gleichmässig sind.

Der erste Riesenmaulhai wurde also erst 1976 entdeckt und es dauerte ganze 12 Jahre, um drei weitere Tiere zu fangen. Anschliessend begannen Riesenmaulhaie unerklärlicherweise überall auf der Welt aufzutauchen. In den 10 Jahren nach dem dritten Fang wurden neun weitere Tiere beobachtet, sechs davon seit November 1994. Bis heute wurde keine Hypothese aufgestellt, die diesen plötzlichen Boom der Riesenmaulhaie erklären könnte.

Der vierte Riesenmaulhai, ein grosses Männchen, wurde am 23. Januar 1989 auf dem Sandstrand der Präfektur Shizuoka, Japan, aufgefunden, bevor das Tier wieder ins Meer hinausgespült wurde (Nakaya, 1989). Am 12. Juni 1989 verfing sich ein 500 cm langes Exemplar in der Suruga Bay, Japan, in einem Stellnetz. Es wurde wieder freigelassen, da man annahm, dass es sich dabei um einen Riesenhai (Cetorhinus maximus) handelte (Miya et al., 1992). Das nächste Tier, ein 495 cm langes Männchen, ging am 21. Oktober 1990 vor Dana Point, Kalifornien, in ein Treibnetz und wurde berühmt, weil man es während über 50 Stunden ununterbrochen mit einem Peilsender verfolgt hatte (Lavenberg and Seigel, 1985). Ein Vogelbeobachter entdeckte am 29. November 1994 in der Hakata Bay, Fukuoka, Japan, wiederum einen gestrandeten Riesenmaulhai. Dieses 471 cm lange Exemplar war das erste Weibchen und diente als Grundlage für eine multinationale wissenschaftliche Untersuchung (Yano et al., 1997). Der Fang des achten Riesenmaulhais war wichtig, da er den ersten Nachweis dieser Art im Atlantik darstellte und auch, weil das Tier wesentlich kleiner war als die anderen. Das noch nicht geschlechtsreife Männchen (ca. 180 cm lang) wurde am 4. Mai 1995 im Trichternetz eines französischen Thunfisch-Fangbootes vor Dakar, Senegal, gefangen (Séret, 1995). Erstaunlicherweise war auch der nächste Riesenmaulhai ein junges Männchen aus dem Atlantik. Dieses Exemplar geriet zufällig am 18. September 1995 einem brasilianischen Langleinenfischer vor Südbrasilien an den Haken (A. Amorim, pers. Mitteilung). Die letzten drei Exemplare, alle 500 cm lange Weibchen, wurden erst kürzlich im tropischen Westpazifik gefangen. Das zehnte am 1. Mai 1997 vor Toba, Japan (Yano et al., in der Presse), das nächste vor den Philippinen (Morrissey and Elizaga, in der Presse) und das letzte am 23. April 1998 vor Atawa, Japan (Yano et al., 1998), gerade einmal 25 km vom Fangort des zehnten Exemplars entfernt.

Megachasma pelagios

Dieser Riesenmailhai (Megachasma pelagios) wurde 1990 mit einem Peilsender markiert und konnte anschliessend für über 50 Stunden verfolgt werden.

© Shark Info / Tom Haight

Riesenmaulhaie sind heute aus allen tropischen Meeren bekannt, mit Ausnahme des westlichen Indischen Ozeans. Es ist wahrscheinlich, dass diese Art rund um die Tropen verbreitet ist und auch weit häufiger vorkommt, als dies durch ihre vertikale Wanderung den Anschein machen würde. Die telemetrische Verfolgung des sechsten Exemplars (Nelson et al., 1997) bestätigte frühere Vermutungen, dass diese Art gewöhnlich die Tiefsee bewohnt, was vielleicht für das sporadische Auftauchen der nur gerade einmal 12 Exemplare verantwortlich sein könnte. Der Hai wurde über zwei ganze Tage lang verfolgt und verbrachte dabei die Tage in einer mittleren Tiefe von 149 m (bei einer lokalen Wassertiefe von 700 - 850 m) und die Nächte in einer mittleren Tiefe von 17 m. Entsprechend blieb dieses Tier in der epipelagischen Zone, folgte den vertikalen Wanderungen des Zooplanktons und ernährte sich davon (Forward, 1987; Hu, 1978). Die Peilsenderdaten widerlegen frühere Bedenken, dass Riesenmaulhaie Schwierigkeiten hätten, in der Tiefsee genügend Plankton zu finden (Diamond, 1985). Zudem widerlegte die Entdeckung dieses Verhaltens die frühere - auch von der Histologie nicht belegte (Nakaya et al., 1997) - Hypothese der Notwendigkeit eines Leuchtorgans im Maul (Taylor et al., 1983).

Der Megachasma pelagios ist ein faszinierender Hai mit vielen, noch ungelösten Geheimnissen. Die Antworten auf zahlreiche offenen Fragen zur natürlichen Biologie dieser Tiere werden wohl in zufälligen Funden weiterer Exemplare zu suchen sein.

Verwendete Literatur

    Berra, T. M., and Hutchins, B. (1991). Natural history notes on the megamouth shark, Megachasma pelagios, from Western Australia. Western Australia Naturalist 18, 224-233.

    Berra, T. M., and Hutchins, J. B. (1990). A specimen of megamouth shark, Megachasma pelagios (Megachasmidae), from Western Australia. Records of the Western Australian Museum 14, 651-656.

    Dailey, M. D., and Vogelbein, W. (1982). Mixodigmatidae, a new family of cestode (Trypanorhyncha) from a deep sea, planktivorous shark. Journal of Parasitology 68, 145-149.

    Diamond, J. M. (1985). Filter-feeding on a grand scale. Nature 316, 679-680.

    Forward, R. B., Jr.1987. Crustacean larval vertical migration: a perspective, pp. 29-44 in: Signposts in the sea (W. F. Hernkind and A. B. Thistle, eds.). Florida State University, Tallahassee.

    Hu, V. J. H. 1978. Relationships between vertical migration and diet in four species of euphausiids. Limnol. Oceanog. 23(2): 296-306.

    Lavenberg, R. J., and Seigel, J. A. (1985). The Pacific's megamystery - megamouth. Terra 23, 29-31.

    Miya, M., Hirosawa, M., and Mochizuki, K. (1992). Occurrence of a megachasmid shark in Suruga Bay: photographic evidence. Journal of the Natural History Museum Institute, Chiba 2, 41-44.

    Morrissey, J. F. and E. T. Elizaga. In Press. Capture of megamouth #11 in the Philippines. Philippine Journal of Science.

    Nakaya, K. (1989). Discovery of a megamouth shark from Japan. Report of the Japanese Society for Elasmobranch Studies 26, 36-39.

    Nakaya, K., Yano, K., Takada, K., and Hiruda, H. (1997). Morphology of the first female megamouth shark, Megachasma pelagios (Elasmobranchii: Megachasmidae), landed at Fukuoka, Japan, pp. 51-62 in: Biology of the Megamouth Shark (K. Yano, J. F. Morrissey, Y. Yabumoto and K. Nakaya, eds.). Tokai University Press, Tokyo.

    Nelson, D. R., McKibben, J. N., Strong, W. R., Jr., Lowe, C. G., Sisneros, J. A., Schroeder, D. M., and Lavenberg, R. J. (1997). An acoustic tracking of a megamouth shark, Megachasma pelagios: a crepuscular vertical migrator. Environmental Biology of Fishes 49, 389-399.

    Séret, B. (1995). First record of a megamouth shark (Chondrichthyes, Megachasmidae) in the Atlantic Ocean, off Senegal. Cybium 19, 425-427.

    Taylor, L. R., Compagno, L. J. V., and Struhsaker, P. J. (1983). Megamouth - a new species, genus, and family of lamnoid shark (Megachasma pelagios, family Megachasmidae) from the Hawaiian Islands. Proceedings of the California Academy of Sciences 43, 87-110.

    Yano, K., O. Tsukada, and M. Furuta. 1998. Capture of megamouth no. 12 from Atawa, Mie, Japan. Ichthyol. Res. 45(4): 424-426.

    Yano, K., Morrissey, J. F., Yabumoto, Y., and Nakaya, K. (1997). Biology of the megamouth shark (Tokyo: Tokai University Press).

    Yano, K., Yabumoto, Y., Tanaka, S., Tsukada, O., and Furuta, M. In Press. Capture of a mature female megamouth shark, Megachasma pelagios, from Mie, Japan. Cybium.

(7707 Zeichen inkl. Literaturverzeichnis)

* Dr. John F. Morrissey ist Assistenzprofessor an der HOFSTRA Universität, New York und Autor mehrerer Veröffentlichungen zu Megachasma pelagios.

Veröffentlichung nur mit Quellenangabe: Shark Info / Dr. John F. Morrissey



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modifiziert: 04.06.2016 10:48