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Shark Info 1 / 98   (15.08.1998)

Author

  Intro:

Der Weisse Hai

Dr. E. K. Ritter

  Hauptartikel:

Weisse Haie, Käfigtauchen und Haischutz

Dr. L. J. V. Compagno

  Artikel 1:

Hai-Unfälle

Dr. E. K. Ritter

  Artikel 2:

Carcharocles megalodon - ein Vorfahre von Carcharodon carcharias?

R. Kindlimann

  Artikel 3:

Meinungsforschung in Südafrika, der «Hochburg der Weissen Haie»

Dr. E. K. Ritter

  Artikel 4:

Die Hai-Stiftung/Shark Foundation

Dr. A. J. Godknecht


Hai-Unfälle

Von Dr. Erich Ritter

Weisser Hai

Ein Weisser Hai nähert sich vorsichtig dem Boot mit den Forschern. (Dyer Island, Südafrika)

© Shark Info

Reisserische Berichte über Haiangriffe sind ein beliebtes Thema insbesondere der Boulevard-Presse. Schon fast jedermann "weiss" heute etwa, dass Weisse Haie die gefährlichsten Haie sind, dass Blut im Wasser Angriffe auslöst oder dass Plantschen an der Wasseroberfläche Haie anlocken kann. Immer wieder verweisen die Medien in ihrer Berichterstattung über neue, "brutale" Hai-Angriffe auf das ISAF (International Shark Attack File). Das ISAF sammelt seit mehr als 40 Jahren Protokolle zu erfolgten Haiangriffen, "analysiert" Daten und publiziert diese regelmässig. Durch die häufige Zitierung in den Medien wurde das ISAF ungewollt zur Quelle für den Haien - insbesondere den Weissen Haien - stark schadenden Informationen. Oft entsteht der Eindruck, das ISAF sei eine Sammlung unzähliger Hai-Angriffe. Es ist unbestritten, dass es jedes Jahr zu einigen Unfällen mit Haien kommt. Die aus den einzelnen Unfällen gezogen Schlüsse sind jedoch oft mehr als nur fragwürdig und weit entfernt von der wahren Biologie dieser Tiere.

Heute werden jährlich Millionen von Haien abgeschlachtet. Es ist höchste Zeit, dass die Medien als wichtige Meinungsbildner umdenken lernen und nicht stets neu die grundsätzliche "Gefährlichkeit" der Haie betonen. Glücklicherweise stellen sich immer mehr Verhaltensforscher gegen die regelrechte Hetzjagd auf Haie und die immer wieder falsch interpretierten Unfälle. Zunehmend kommt man in wissenschaftlichen Kreisen zum Schluss, dass die Gefährlichkeit der Haie stark übertrieben wird und dass Unfälle mit Haien nicht auf eine natürliche "Aggression" der Haie zurückzuführen sind. Im Gegenteil führt eine Verkettung unglücklicher Ursachen - meist durch das spätere Opfer selbst verursacht - zum typischen Hai-Unfall. Deshalb ist auch die immer wieder verwendete Bezeichnung "Hai-Angriff" unzutreffend und durch "Hai-Unfall" zu ersetzen. Das ISAF täte gut daran, seine Bezeichnung in "International Shark Accident File" zu ändern.

Vielleicht kommt jedoch die so positive und lange überfällige Einsicht für den Weissen Hai bereits zu spät! Diese Tiere sind schon heute stark von der Ausrottung bedroht! Jeder von der Weltpresse breitgetretene und mit falsch interpretierten Daten der ISAF untermauerte Hai-Unfall ist ein weiterer Schritt zur Ausrottung dieser einzigartigen Tiere. Seit dem Kinofilm "Der Weisse Hai/JAWS" eignet sich von allen Haiarten der Weisse Hai am besten dafür, als Bestie herzuhalten. Im "Zweifelsfall" ist oft er der Täter. Die Urangst des Menschen, von einer aus den Tiefen des Meeres aufsteigenden Bestie verschlungen zu werden, erhält mit jedem Hai-Unfall neue Nahrung. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit von einem Hai angegriffen zu werden in der Realität mehr als nur gering! Unglaublich aber wahr: Jeder Hai-Unfall wird von uns Menschen zweimillionenfach gerächt! Haie sind keinesfalls Kuscheltiere, aber wir müssen endlich realisieren, dass ein Hai-Unfall nichts mit einer Aggression des Tieres zu tun hat, sondern eben lediglich mit einer Verkettung unglücklicher Umstände.

Der seit Jahrzehnten stattfindende Rachefeldzug gegen die Haie entbehrt jeder Rechtfertigung. Insbesondere die Weissen Haie werden den erbarmungslos gegen sie geführten Krieg über kurz oder lang verlieren. Täglich verschwinden mehr als 10 Tier- und Pflanzenarten unwiederbringlich von unserem Planeten und auch die Weissen Haie stehen kurz davor, in diese traurige Statistik aufgenommen zu werden. Erst vor wenigen Jahren sind die Atlantischen Grauwale und die Karibischen Mönchsrobben ausgestorben, muss die Tragödie mit den Weissen Haien wiederholt werden?

Ein kleiner Hoffnungsschimmer erscheint am Horizont, denn in einigen Ländern sind Dekrete zum Schutz der Weissen Haie in Kraft gesetzt worden. Doch auch dies wird nicht ausreichen. Das Überleben der Weissen Haie steht auf Messers Schneide und nur noch ein rascher, weltweiter Schutz dieser Tiere kann die sich abzeichnende Katastrophe e v e n t u e l l noch abwenden. Haispezialisten und andere Wissenschaftler kämpfen gegen die Zeit, um das Steuer noch rechtzeitig herumzureissen.

Haie sind ein wesentlicher Bestandteil im natürlichen Zusammenspiel der marinen Ökosysteme. Als häufigste Topräuber der Meere mit über 50 kg Körpergewicht sind sie unentbehrliche Regulatoren sowohl der Gesamtbestände der einzelnen Fischarten als auch des Gesundheitszustandes innerhalb einer bestimmten Fischart. Die weltweite Fischerei, die sich nur auf einen Bruchteil aller Fischarten konzentriert, vermag die Fischbestände keinesfalls zu regulieren. Entsprechende Feldversuche in kontrollierten Ökosystemen zeigten deutlich, dass ein Ökosystem nach dem Entfernen der Topräuber zusammenbrechen kann.

Eine Ausrottung der Haie wird deshalb nicht nur fatale Folgen für das Meer, sondern auch für die Menschheit haben. Die künstlich erzeugte Angst vor Haien und insbesondere vor dem Weissen Hai muss den Menschen endlich genommen werden! Nicht der Mensch bedarf des Schutzes vor dem Hai, es ist der Hai, der dringend vor dem Menschen zu schützen ist! Bleibt zu hoffen, dass die Einsicht des Menschen nicht zu spät kommen wird.

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* Dr. Erich K. Ritter ist Haibiologe und Adjunct Assistenz Professor an der Hofstra Universität, New York.

Veröffentlichung nur mit Quellenangabe: Shark Info / Dr. Erich Ritter



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modifiziert: 04.06.2016 10:48