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Shark Info 1 / 98   (15.08.1998)

Author

  Intro:

Der Weisse Hai

Dr. E. K. Ritter

  Hauptartikel:

Weisse Haie, Käfigtauchen und Haischutz

Dr. L. J. V. Compagno

  Artikel 1:

Hai-Unfälle

Dr. E. K. Ritter

  Artikel 2:

Carcharocles megalodon - ein Vorfahre von Carcharodon carcharias?

R. Kindlimann

  Artikel 3:

Meinungsforschung in Südafrika, der «Hochburg der Weissen Haie»

Dr. E. K. Ritter

  Artikel 4:

Die Hai-Stiftung/Shark Foundation

Dr. A. J. Godknecht


Fact Sheet: Carcharocles megalodon

Ein Vorfahre von Carcharodon carcharias?

Von René Kindlimann

Carcharocles megalodon, der «Grosszahn-Hai», wird oft als der ausgestorbene direkte Vorfahre des heute lebenden Weissen Hais (Carcharodon carcharias) bezeichnet. In der Wissenschaft ist diese Ansicht jedoch nicht unumstritten.

Megalodon Zahn

Grössenvergleich: Links der Zahn eines heutigen Weissen Haies und (Carcharodon carcharias) rechts von Megalodon (Carcharocles megalodon)

© Shark info

Es ist auch darauf hinzuweisen, dass alle heutigen Kenntnisse über den Grosszahn-Hai auf den recht häufigen Funden von Zähnen dieses wohl unbestritten riesigsten aller Raubfische basieren. Haizähne waren schon den Menschen der Antike bekannt. Damals sahen Griechen, Römer und andere Völker in ihnen Schlangenzungen, Donnerkeile oder sonstige «göttliche Zeichen». Erst nach der Renaissance erkannte die aufkommende «moderne Wissenschaft», dass es sich bei den vermeintlichen, göttlichen Zeichen tatsächlich um Haizähne handelte. Diese Erkenntnis weckte das Interesse der Wissenschafter, schlagartig entstanden viele Fragen. Das verstärkte Interesse mag auch darauf zurückzuführen sein, dass die riesigen «Megalodon»- Zähne die Phantasien besonders anregten und Rekonstruktionen davon, den damaligen Geschmack des Aussergewöhnlichen trafen.

Im in jener Zeit aus der Zoologie neu entstandenen Wissenschaftszweig, der Paläontologie, begann sich die Forschung intensiver mit ausgestorbenen Lebensformen zu befassen. So fanden die Haie, neben Dinosauriern und anderen Tieren der Erdgeschichte, vermehrt grosse Beachtung. Bereits 1843 veröffentlichte der Schweizer Naturforscher Louis Agassiz sein Werk über sämtliche zu seiner Zeit bekannten fossilen Fische. Darin widmete er ein gewichtiges Kapitel diesen monströsen Zähnen. Unter anderem begründet durch die Ähnlichkeit der Zähne, sahen er und viele andere Forscher jener Tage in diesem Tier einen direkten Vorfahren des heutigen Weissen Hais. Diese Sichtweise hielt sich, wohl auch begünstigt durch den Stellenwert des Werks von Agassiz in der Fachwelt, für lange Zeit.

Angeregt durch neue Funde und ein neues Verständnis der Paläontologie, versuchten verschiedene Forscher nach dem zweiten Weltkrieg die verwandtschaftlichen Verhältnisse innerhalb der Gattung Carcharodon neu zu definieren. Dabei ging man davon aus, dass die stammesgeschichtlichen Verhältnisse viel komplexer als angenommen waren. Mit dem Ziel, die festgefahrene Systemstruktur der bislang einzigen Gattung Carcharodon aufzubrechen, definierte der belgische Paläontologe Casier 1946 die neue Gattung Procarcharodon. Dadurch ermöglichte er eine offenere Denkweise bei der Bestimmung der Herkunft und der entwicklungsgeschichtlichen Etappen dieser Grosshaie. 1952 erschien eine Publikation des Franzosen Camille Arambourg, der Fossilien der frühtertiären marokkanischen Phosphatschichten untersuchte. Darin fand er auch Zähne einer bis dato unbekannten Haiart, die er aufgrund eher primitiver Merkmale "Paläocarcharodon» nannte und in die Entwicklungsreihe von Carcharodon stellte. Paläocarcharodon stammte aus dem Paläozän und war somit der älteste bekannte, mögliche Vorfahre von Carcharodon.

Die nahezu globale Verbreitung (Marokko, Russland, Dänemark, USA) verstärkte die Position dieser Art als möglicher Vorläufer von Carcharocles und Carcharodon. Die Situation änderte sich, als Henri Cappetta (Montpellier) 1987 sein "Handbuch der Paläoichthyologie» veröffentlichte. Anders als die meisten Autoren, die sich mit der Entwicklung der Haie befassten, überraschte und brüskierte er die Fachwelt mit der Annahme, dass Isurus hastalis (ein grosser Makrelenhai), in Anbetracht morphologischer Besonderheiten im Bau der Zähne, als unmittelbarer Vorläufer von Carcharodon carcharias zu gelten habe. Zur Untermauerung seiner These, benannte er zudem Procarcharodon um in Carcharocles und plazierte die ganze Gattung um in die Otodontiden (eine ursprünglichere Familie der lamniformen Haie). Seiner Ansicht nach gehörte Procarcharodon nicht in die direkte Entwicklungslinie von Carcharodon selbst, sondern in eine Nebenlinie, die ohne weitere Nachkommen im unteren Pliozän ausstarb.

Die Fachwelt reagierte heftig und kontrovers. Trotzdem fanden die Ansichten Cappettas mehrheitlich Akzeptanz und damit Einzug in die neueren Arbeiten. Funde aus Peru (1985) stützten in eindrücklicher Weise die These Cappettas und zeigten markante Übergangserscheinungen von Isurus hastalis zu Carcharodon carcharias. Obwohl die Belege eine deutliche Sprache sprechen, schaffen sie widerum mehr neue Fragen, als sie Antworten zu geben vermochten. In jüngster Zeit (1996) publizierte eine amerikanische Projektgemeinschaft zum Thema «Entwicklungsgeschichte und Biologie des Weissen Haies» neue Hypothesen, die das alte Entwicklungsschema von Paläocarcharodon über Carcharocles zu Carcharodon wieder belebt. Danach werden alle fossilen Vertreter dieser Gruppe direkt der Gattung Carcharodon zugerechnet und auch als Carcharodon bezeichnet. Als Stammform der Carcharodontiden wird die kreidezeitliche Gattung Cretolamna appendiculata angenommen. Diese starke Vereinfachung in eine einzige, linear verlaufende Entwicklungslinie bringt den aktuellen Forschungstand dieser grossen Haie in gewisser Weise wieder an ihren Anfang zurück. Kritisch betrachtet, trägt diese Art der Vereinfachung nicht zur Lösung anstehender systematischer Probleme bei. Aus paläoökologischer Sicht und im Hinblick auf entwicklungsgeschichtliche Fragen der Grosshaie, ist besonders erwähnenswert, dass sowohl Zähne von Carcharocles als auch von Carcharodon, auffallend häufig gemeinsam mit Resten von Walen und anderen Meeressäugern vorkommen. Dies erlaubt die These, dass die evolutiven Geschicke der grossen Haie eng an die Entwicklung der Meeressäuger gebunden war und damit indirekt durch sie gesteuert oder mitbestimmt wurde. Daraus kann jedoch keine engere verwandtschaftliche Beziehung oder gar Entwicklungslinie abgeleitet werden. Dies belegt lediglich, dass die meisten grossen Lamniden "Spezialisten» waren, die durch die Ausbildung einer Sekundärzähnelung der Zahnschneidekanten mehrmals innerhalb erdgeschichtlich kurzer Zeit eine ähnliche oder identische Entwicklung zeigten. Es sei hier daran erinnert, dass gerade die lamniformen Haie bei diversen Gattungen und Arten (Squalicorax, Pseudocorax, Carcharoides, Isurus escheri) in ihrer langen Entwicklungsgeschichte wiederholt gezähnelte Zahnschneidekanten ausbildeten.

Die Fragen nach der Abstammung des «Carcharodon» megalodon und nach dem direkten Vorläufer des Carcharodon carcharias können - bedauerlicherweise - nach wie vor nicht befriedigend beantwortet werden.

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* René Kindlimann ist ein anerkannter Fachmann für fossile Haie.

Glossar

Donnerkeile:

versteinerte Blitzeinschläge

Megalodon:

Grosszahn, griechisch

Lamniform:

Merkmalsübereinstimmung innerhalb der Familie der Makrelen- und Weisshaie

Morphologie:

erklärende und deutende Beschreibung organischer Gestalten

Paläozän:

zeitliche Periode im Tertiär (vor 65 - 57 Mio Jahren)

Pliozän:

zeitliche Periode im Tertiär (vor 5 - 1.5 Mio Jahren)

Veröffentlichung nur mit Quellenangabe: Shark Info / René Kindlimann



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modifiziert: 04.06.2016 10:48