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Shark Info 1 / 97   (09.02.1997)

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  Intro:

Hai «Kinderstuben»

Shark Info

  Hauptartikel:

Uferzerstörungen vernichten Kinderstuben der Haie

Shark Info

  Artikel 1:

Keine Haie auf der Roten Liste des Artenschutzabkommens

Shark Info

  Fact Sheet:

«Milkshakes» und Kannibalismus

W. C. Hamlet


Uferzerstörungen vernichten Kinderstuben der Haie

Bericht Shark Info

Mangroven

Foto: Mangroven     © Shark Info / Peter Jaeggi

Mangroven - die Kinderstuben verschwinden

Ursprünglich waren schätzungsweise drei Viertel aller tropischen und subtropischen Küstenlinien der Erde mit Mangroven bewachsen; laut dem UNO-Umweltschutz Programm (UNEP) ist heute die Hälfte des Bestandes zerstört. Die umfangreichsten Vernichtungen geschehen im asiatischen Raum. So waren zum Beispiel auf den Philippinen 1920 noch 5000 Quadratkilometer mit Mangroven bedeckt - heute sind es nur noch etwas über 350 Quadratkilometer. Auch im Nachbarstaat Indonesien schreitet die Mangrovenzerstörung in beängstigendem Mass voran; das Land produziert für den Export nach Japan jedes Jahr eine Viertelmillion Kubikmeter Holzspäne aus Mangrovenhölzern. Daneben werden Mangroven hauptsächlich zur Schaffung von Reisfeldern sowie Fisch- und Krevetten-Farmen zerstört.

Welche Folgen das Abholzen hat, zeigt das Beispiel von Java, wo früher fast die gesamte Nordküste mit diesen Pflanzen gesäumt war. Heute haben sie den «Tambaks» Platz gemacht, den Fischfarmen. Der Beginn der Mangrovenvernichtung auf Java brachte eine zunehmende Zerstörung von Geburts- und Kinderstuben und damit einen massiven Rückgang der Fischereierträge. Denn in den ufernahen Lebensräumen beginnt nicht nur das Leben der meisten Haie, sondern auch jenes vieler Knochenfische. Um den Ausfall wettzumachen, wurden immer mehr Fischfarmen angelegt - und stets mehr Mangroven abgeholzt. Das Tun rächt sich mehrfach; nicht nur die natürlichen Fischereierträge gehen bei dieser Uferzerstörung zurück: fehlende Mangroven mit ihrem verästelten Wurzelwerk fördern Erosionen und weitere Landschaftszerstörungen.

Mensch contra Evolution

Die Evolutionsgeschichte der Haie zeigt, dass auch frühe Formen entlang von Küsten und Schelfregionen lebten. Fossile Funde im heutigen Montana (USA) belegen, dass jene Zonen vor 320 Millionen Jahren als Gebär- und Kinderstuben dienten. Haie kennen keine Brutpflege; mit dem Gebären in geschützten Regionen von Buchten, Lagunen und Flussmündungen reduzieren jedoch die Elterntiere den Räuberdruck auf ihre Nachkommen; denn flache Gewässer limitieren oder verhindern den Zugang für grössere Haie. Diese Jahrmillionen alte Schutz-Strategie war ein erfolgreiches Konzept, um sich an der Spitze von Nahrungsketten zu halten - bis vor kurzem, bevor der Mensch begann, in wenigen Jahren riesige Ufergebiete zu vernichten.

Nahrungsangebot für Jungtiere gefährdet

Die bevorzugten Beutetiere der Junghaie leben in den flachen Gewässern von Uferzonen. Wenn diese Nahrungsgrundlage durch die Vernichtung der Mangroven verschwindet, sind die Junghaie gezwungen, weiter draussen nach Nahrung zu suchen. Die Folgen sind zum einen die Dezimierung der Beutetiere und zum andern fallen viele, noch nicht geschlechtsreife Haie grösseren Arten zum Opfer. Es sind Faktoren, die auf die Grösse und die Stabilität von Haipopulationen negative Auswirkungen haben. Sinken deren Bestände wegen zu wenig fortpflanzungsfähigen Tieren unter eine bestimmte Grösse, sind sie nicht mehr überlebensfähig. Modelle und daraus abgeleitete Szenarien lassen vermuten, dass bereits geringe Reduktionen des Nahrungsangebotes genügen, um für juvenile Haie diesen geschützten Lebensraum ungeeignet zu machen. Verlieren die Junghaie im Uferbereich ihren Schutz- und Nahrungsraum, müssen sie zwangsläufig in die für sie gefährlichen tieferen Gewässer ausweichen.

Haie können sich nicht gegen diesen vielfältigen Druck wehren. Zum Teil nur wenig Nachkommen und eine Geschlechtsreife die sich, wie beim Dornhai, erst mit zwanzig und mehr Jahren einstellt, halten mit den Umweltzerstörungen nicht Schritt - und auch nicht mit einer grenzenlosen Überfischung.

Überleben nur mit artspezifischen Schutzmassnahmen

Um das Überleben der Haie - und vieler anderer mariner Organismen - zu sichern, genügt die Beschränkung von Fangquoten allein nicht. Werden die Geburts- und Kinderplätze der Tiere nicht geschützt, werden zahlreiche Arten stark reduziert und die Gefahr besteht, dass sie eines Tages in ihrer Weiterexistenz gefährdet sein werden. Erfolgreiche Schutzmassnahmen müssen deshalb die Evolutions- und Lebensgeschichte von Haien und deren Biologie miteinbeziehen. Die Bewirtschaftungsmassnahmen müssen weltweit neu überdacht werden: Fangverbote für juvenile Tiere, drastische Einschränkung von Fangquoten und vor allem der Schutz, bzw. die Wiederherstellung der küstennahen Biotope, wie etwa in Thailand und Florida, wo Mangroven nun wieder angesiedelt werden.

Ohne artspezifischen Schutz der Lebensräume mit besonderer Berücksichtigung der Biologie von Jungtieren wird es früher oder später zu drastischen Abnahmen der Haibestände kommen.

Die meisten Haie leben ufernah

Von den rund 380 Haiarten leben nur gerade 5% ozeanisch; das heisst: diese Arten gebären in der Hochsee. Etwa 50% aller Arten leben auf dem Kontinentalsockel bis in Tiefen von etwa 200 m, 40% leben in tieferen Regionen unterhalb von 200 m bis etwa 4000 m und etwa 5% kommen in allen erwähnten Regionen vor. Das bedeutet: der weitaus grösste Teil dieser Meeresräuber lebt in küstennahen Zonen.

Vielfältige Mangroven: bedroht

Weltweit gibt es 69 anerkannte Mangrovenarten, die zu 20 verschiedenen Familien gehören und vielfältige Erscheinungsformen zeigen. Die höchsten wachsen in Südamerika und können über 40 Meter hoch werden; viele Arten sind weniger als einen Meter hoch. Mangroven leben im Grenzraum von Land und Wasser und sind ein Sammelbegriff für Bäume und Büsche, die in den Gezeitenzonen leben. Sie spielen nicht nur für den Fortbestand des marinen Lebens eine wichtige Rolle, sondern sind auch das Habitat zahlreicher weiterer Tiere. Dazu gehören laut WWF-Studien unter vielen anderen rund 500 Insektenarten, 229 Krustentiere, 283 Knochenfischarten, 177 Vogel- und 36 Säugetierarten.
In den frühen achtziger Jahren wurden laut WWF weltweit 401 Mangroven-Regionen mit einer Gesamtfläche von 17 Millionen Hektaren registriert; rund 30% davon in Asien. Urbanisierung, das Fällen zur Gewinnung von Bau- und Brennholz sowie zur Holzkohlegewinnung, Veränderungen von Flüssen und Kahlschlag für Aquakulturen (z.B. Krevettenfarmen) sind die Hauptgründe einer zunehmenden Zerstörung. Für Aquakulturen wurden bisher weltweit rund 765 500 Hektaren Mangroven gerodet (639 000 ha für die Krevettenzucht). Laut einer WWF-Studie haben die Philippinen, Thailand, Malaysia, Indien, Ecuador und Taiwan als Folge der Krevettenzucht «signifikante» Mangrovenverluste zu verzeichnen.

Riesiger Druck auf die Küstenregionen

Beinahe zwei Drittel der Menschheit lebt in Küstengebieten; 30 der 50 grössten Metropolen liegen direkt oder nahe am Meer. Die Bevölkerung von bereits heute dicht besiedelten Nationen wie Bangladesh, Indonesien und anderer Länder, die an Ozeane grenzen, nimmt rasant zu. Neben diesem Bevölkerungsdruck sind es vielerorts grosse Mengen an Schwermetallen, Agraochemikalien und anderer Schadstoffe, die von grossen Flüssen in die küstennahen Gewässer transportiert werden.

Veröffentlichung nur mit Quellenangabe: Shark Info



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modifiziert: 04.06.2016 10:48